Kontaktpflege per Telefon, WhatsApp und Co.

Wenige Tage, bevor meine Kinder im Juli 2011 von München nach Hamburg zogen, machten wir einen Deal: wir telefonieren jeden Dienstag und Freitagabend. Meine Kinder waren damit einverstanden, auch wenn ich den Eindruck hatte, nur mir zuliebe. Denn tatsächlich war es mein Wunsch – oder eher mein Verlangen – diese Regelmäßigkeit zu vereinbaren. Viel zu groß war damals meine Angst, die Verbindung zu meinen Kindern zu verlieren.

 

Diese Vereinbarung half mir aber, mich am Abreisetag von meinen Kindern zu verabschieden und ihnen hinterher zu winken, ohne in Tränen aufgelöst zu sein. Ich wusste ja, dass wir einen Deal hatten und in Verbindung bleiben würden, trotz der riesigen Entfernung.

 

Am ersten Dienstag nach dem Umzug rief ich dann auch wie verabredet meine Kinder an. Zuerst sprach ich mit meiner Tochter, danach mit meinem Sohn. Beide erzählten mir von der langen Fahrt nach Hamburg und von dem Chaos, das so kurz nach dem Einzug natürlich noch immer herrschte. Viele Möbel waren noch nicht aufgebaut, und Kartons stapelten sich überall in der neuen Wohnung.

 

Ich selbst hatte nicht ganz so viel zu berichten, bei mir war ja der Alltag weiter gegangen. Über meine Traurigkeit und meine Ängste wollte ich mit meinen Kindern ganz bewusst nicht sprechen. Wir unterhielten uns trotzdem eine ganze Weile, denn meine Kinder sprudelten wie eine frisch angezapfte Quelle. Als das Gespräch dem Ende zuging, wusste ich, dass wir spätestens in drei Tagen wieder telefonieren würden, worauf ich mich schon freute.

 

Am darauf folgenden Freitag war es auch schon wieder so weit. Wie verabredet riefen meine Kinder bei mir an und erzählten, dass sie schon die nähere Umgebung erkundet hatten. Mein Sohn hatte sogar schon einen neuen besten Freund gefunden, was ich einerseits sehr lustig fand, was mich andererseits auch froh machte. Meine Tochter war noch niemandem begegnet, sie konzentrierte sich zunächst darauf, ihr Zimmer einzurichten und zumindest ihr kleines Reich zu ordnen.

 

Diese Telefonate liefen ein paar Wochen mit Regelmäßigkeit ab, bis eines Tages der verabredete Anruf meiner Kinder ausblieb. Ich wartete den ganzen Abend, aber das Telefon schwieg beharrlich. Zuerst wunderte ich mich, dann kam Ärger in mir hoch: „verdammt, wir haben doch einen Deal! Was soll das?“.

 

Am nächsten Tag rief ich dann bei meinen Kindern an und fragte enttäuscht nach, warum sie sich nicht bei mir gemeldet hatten. Als Antwort bekam ich zu hören: „wir wussten nicht, was wir erzählen sollen. Es gibt nichts Neues!“.

 

Ich erklärte meinen Kindern, dass das so nicht gedacht war. Verabredung ist Verabredung, und mir war es sehr wichtig, regelmäßig zu telefonieren. Mir saß noch immer die quälende Angst im Nacken, die Verbindung zu meinen Kindern beziehungsweise meine Kinder selbst zu verlieren. Und das durfte auf gar keinen Fall passieren, weshalb ich auf die regelmäßigen Telefonate bestand.

 

Also machten wir weiter, jeden Dienstag und jeden Freitag. Und zwar so lange, bis mir selbst die Luft ausging. Irgendwann sah ich es kommen, wollte es aber nicht wahr haben. Bis ich es nicht mehr ignorieren konnte: eines Tages hatte ich keine Lust, mit meinen Kindern zu telefonieren. So ein Mist! Und was nun?

 

Auf der einen Seite riesige Angst, meine Kinder zu verlieren, und auf der anderen Seite keine Lust, sie anzurufen. Ich war verzweifelt und hilflos, merkte aber, dass ich mich dieser Realität stellen musste. Ich realisierte, dass es nicht funktionieren kann, solche Telefonate nach Terminplan abzuarbeiten. Meine Kinder hatten das schon sehr viel früher bemerkt, aber „par ordre du mufti“ brav weitergemacht.

 

Was nun? Ich wollte meine Kinder auf keinen Fall verlieren, aber genau das würde doch passieren, wenn wir nicht mehr regelmäßig telefonieren. Da konnte ich nicht so einfach die Zügel locker lassen! Oder doch?

 

Ich sprach viel mit meiner Frau über mein Dilemma. Sie riet mir, mit den Kindern nur dann zu telefonieren, wenn mir auch danach war. Und umgekehrt galt natürlich: meine Kinder sollten mich nur anrufen, wenn sie wirklich Lust dazu hatten.

 

Hört sich einfach und irgendwie natürlich an, hat aber enorme innere Konflikte bei mir ausgelöst. Würde das funktionieren? Ich spürte ganz deutlich, dass mir das Vertrauen in die Verbindung zwischen meinen Kindern und mir fehlte. Ich dachte, wenn die Regeln wegfallen, dann bricht Chaos aus, oder in unserem Fall Kontaktabbruch. Konnte oder sollte ich das riskieren?

 

Andererseits war mir klar, dass wir auf die bisherige Weise nicht weitermachen konnten. Ich musste die Zügel nicht nur locker lassen, sondern aus der Hand legen. Viele Stunden voller Grübeln später sprach ich mit meinen Kindern und teilte ihnen mit, dass es zukünftig keine Regeln mehr geben sollte NO DEAL. Telefonate zu festgelegten Zeiten sollte es nicht mehr geben, stattdessen Telefonieren nach Lust und Laune. Wobei ich im Stillen hoffte, dass diese Lust möglichst regelmäßig kam.

 

Was soll ich sagen, es gab und gibt Zeiten, in denen hören meine Kinder und ich mehrere Wochen lang nichts voneinander. 2011 war das für mich völlig inakzeptabel, heute ist es absolut in Ordnung. Zwischen „inakzeptabel“ und „in Ordnung“ liegt eine lange Zeit, in der ich gelernt habe, damit umzugehen, was nicht ganz einfach war. Heute rufe ich meine Kinder an, wenn ich Lust dazu habe, spontan und ohne auf den Kalender zu schauen. Meine Kinder machen es ebenso, wobei meine Tochter öfter anruft als mein Sohn, was aber kein Problem ist - weil es ehrlich und authentisch ist.

 

Wenn wir heute telefonieren, dann tun wir das, weil wir voneinander hören wollen oder etwas mitzuteilen haben. Wir telefonieren, weil wir Sehnsucht haben oder das Gefühl, die Stimme des anderen hören zu wollen. Und inzwischen habe ich auch gelernt, dass ich keine Angst haben muss, meine Kinder zu verlieren. Auch wenn mehrere Wochen kein Kontakt besteht, ist das noch lange kein Grund zur Sorge.

 

Für die kurze und schnelle Kommunikation zwischendrin gibt es heutzutage grenzenlose Möglichkeiten. Ich gehöre einer Generation an, die ohne Handy aufgewachsen ist. Für mich ist Kommunikation mit anderen Werten verbunden als für meine Kinder. An erster Stelle steht bei mir noch immer das persönliche Gespräch.

 

Eine SMS zu schreiben ist in meinen Augen umständlich und irgendwie nervig. Es dauert viel zu lange, einen korrekt formulierten Satz in diese Miniatur-Tastatur zu tippen. Trotzdem nahm ich ab und zu mein Handy und schickte kurze SMS-Nachrichten, bekam aber nur selten eine Reaktion von meiner Tochter oder meinem Sohn. Und selbst wenn meine Kinder sich meldeten, vergingen darüber mehrere Tage. Natürlich sprach ich sie irgendwann darauf an.

 

Ihre Antwort war: „Ach Papa, SMS nutzt doch heute kein Mensch mehr. Wir sind alle in WhatsApp!“. Wie bitte?

 

Was hilft es: obwohl ich wirklich kein Freund davon bin, bin ich inzwischen ein echter Freund davon geworden! Warum? Weil ich per WhatsApp wenigstens Antworten von meinen Kindern bekomme, und zwar subito. Ich war erstaunt, wie schnell meine Kinder reagieren, wenn ich per WhatsApp eine Frage schicke oder etwas mitteile. Und oft kommen dann auch noch ein Küsschen und ein rotes Herz mit.

 

Ähnliches gilt für die sozialen Netzwerke wie Facebook, Instagram, Twitter und Co (vermutlich habe ich das Trendigste von allen glatt vergessen). Schon klar, früher hatten wir noch echte Freunde, mit denen haben wir uns auf der Straße getroffen und gespielt. Wir haben uns gestritten und wieder vertragen, ganz ohne Tastatur und Bildschirm.

 

Man kann über soziale Netzwerke geteilter Meinung sein, man kann stundenlang über Sicherheitslücken und Privatsphäre philosophieren, und man kann von den guten alten Zeiten schwärmen, in denen alles viel besser war. Aber wenn Dir Dein Kind am Herzen liegt und Du eine funktionierende Kommunikation mit ihm pflegen möchtest, dann lass es gut sein und richte Dir ein Nutzerkonto ein. Frag am besten Dein Kind, wo und wie!

 

Was für mich noch einen hohen Stellenwert hat, ist der handgeschriebene persönliche Brief oder die Postkarte. Heutzutage ist das vielleicht alte Schule, aber das Ritual, sich mit Stift (am liebsten ein Füller) und Papier hinzusetzen und von Hand einen Brief zu schreiben, ist so umständlich und fast schon antiquiert, dass es dadurch einen hohen Wert bekommt. Ich mache es wirklich selten, aber wenn ich einen Brief schreibe, dann fühle ich mich beim Schreiben schon feierlich – und ich hoffe, meine Kinder beim Lesen ebenfalls.

 

Du siehst, es gibt eine große Auswahl an Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren: mit Text, mit Bild, mit Ton. Entscheidend ist weniger die Frage, welche Möglichkeit ihr nutzt, Hauptsache, ihr kommuniziert überhaupt. Nach meiner Erfahrung ist es schlau, dasselbe Medium zu nutzen, das Dein Kind auch mit seinen Freunden nutzt. Dadurch steigt die Erfolgsquote beziehungsweise sinkt das Frustpotenzial – glaube mir!

 

Wie kommunizierst Du mit Deinem Kind? Habt Ihr dafür Regeln oder Festlegungen? Und welche Medien benutzt Ihr dabei? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!