Freund oder Erziehungsberechtigter?

Als getrennter Vater fühlt man sich oft in der Rolle eines Beobachters. Zumindest geht es mir so, wenn ich Kontakt zu meinen Kindern habe oder mit ihnen zusammen bin. Ich erlebe meine Kinder leider nur punktuell, aber bei jeder Begegnung erkenne ich bei ihnen Verhaltensweisen oder Denkmuster, die mir neu und vielleicht sogar fremd sind.

 

Ich gebe es ganz offen zu, dass ich mich ab und zu bei dem Gedanken ertappe: „von wem hat mein Sohn das? Von mir nicht!“. Oder auch: „wenn ich mehr Einfluss auf meine Tochter hätte, dann wäre sie jetzt anders!“.

 

Solche Gedanken sind absoluter Käse, denn mit einem Kind wächst ein eigenständiger Mensch heran. Natürlich wird dieser Mensch durch seine Eltern geprägt, aber nicht ausschließlich. Es spielen auch andere Umweltfaktoren eine Rolle, und über den Einfluss dieser Faktoren forschen und diskutieren seit Jahrzehnten Wissenschaftler weltweit. Klar ist jedoch, dass bereits bei der Geburt des Kindes viele Wesenszüge und Charaktereigenschaften genetisch angelegt sind. Darauf haben weder Mutter noch Vater (noch das Kind selbst) einen Einfluss.

 

Wer sich mit dieser Thematik noch intensiver beschäftigen möchte, findet in der Literatur oder im Internet diverse Informationsquellen. Ich habe einen Artikel beim Bayrischen Rundfunk gefunden, der prägnant und vor allen Dingen verständlich aufzeigt, wie die Persönlichkeit eines Menschen beeinflusst wird und was die Wissenschaft darüber sagen kann. Den Artikel vom Telekolleg findest Du hier.

 

Es ist also reichlich vermessen, wenn ein Vater behauptet, allein die Erziehung der Mutter hätte das Kind ängstlich oder phlegmatisch gemacht. Und es ist noch vermessener, wenn er sagt, er tte es besser gemacht und verhindert, dass das Kind ängstlich oder phlegmatisch wird. Wie gesagt, ich kenne ähnliche Gedanken von mir selbst, aber sie entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.

 

Was aber in jedem Fall bleibt, ist das eigenartige Gefühl, nur ein Beobachter zu sein. Eigenartig deshalb, weil man als Vater gerne auf die Entwicklung seines Kindes Einfluss haben möchte und als Erziehungsberechtigter auch haben soll. Aber wie viel Einfluss ist denn möglich, wenn man nur an wenigen Tagen im Jahr direkten Kontakt zu seinem eigenen Kind hat? Wie ist dieser geringe Einfluss des Vaters denn zu werten, wenn der große Einfluss der Mutter dagegen steht?

 

Auch wenn man als getrennter Vater per Gesetz erziehungsberechtigt ist, stellt sich trotzdem die Frage, ob man denn sein eigenes Kind noch erziehen kann oder die wenigen Stunden des Miteinanders überhaupt für leidige Erziehungsfragen nutzen soll. Ist man als getrennter Vater auch noch Erzieher, oder ist man besser ein Freund seines eigenen Kindes? Oder nichts davon? Oder beides?

 

Grundsätzlich braucht ein Kind für die gesunde Entwicklung beide Elternteile, also Mutter und Vater. Die Rollen zwischen den Eltern sind unterschiedlich verteilt, was durch Kultur, Religion, Bildung, gesellschaftlichen Status und andere Aspekte bedingt ist. Aber eine Mutter kann niemals einen Vater ersetzen, und ein Vater keine Mutter. Deshalb dient es dem Kindeswohl nicht, wenn sich ein getrennter Vater aus der Erziehung zurückzieht, weil er denkt, er hat sowieso keinen Einfluss mehr.

 

Auch zur Rollenverteilung zwischen Vater und Mutter gibt es etliche Forschungsprojekte und wissenschaftliche Abhandlungen. Ich habe für Dich einen kurzen Artikel gefunden, der leicht verständlich erklärt, wie wichtig beide Eltern für die Entwicklung eines Kindes sind. Den Artikel findest Du hier.

 

Als getrennter Vater erlebe ich es ab und zu, dass ich bei einem meiner beiden Kinder Verhaltensweisen bemerke, die ich als Vater nicht gutheißen kann. Nehmen wir einmal an, es handelt sich um meinen Sohn, der über das Wochenende bei mir ist. Ich stelle mir dann schon die Frage: „genieße ich lieber das Wochenende mit ihm und sehe über das Thema hinweg, oder spreche ich mit ihm darüber und riskiere eine problematische Situation?“.

 

Nach meiner Erfahrung gibt es in solchen Fällen keine allgemeingültige Lösung. Es hängt zum einen davon ab, um welches Thema es sich handelt und wie gewichtig es in meinen Augen ist. Zum anderen hängt es von der momentanen Situation, meiner Stimmung und auch der Stimmung meines Kindes ab.

 

Grundsätzlich würde ich aber sagen: kneifen gilt nicht!

 

Wenn es sich um ein Thema handelt, welches nach Deiner Erfahrung und Einschätzung wichtig für die Entwicklung und das Wohlergehen Deines Kindes ist, dann musst Du das Gespräch suchen. Es geht hierbei nicht nur darum, dass Du Deiner Vaterrolle beziehungsweise Deiner Erzieherrolle gerecht wirst. Es geht auch darum, dass Dein Kind einen legitimen Anspruch darauf hat, von Dir erzogen zu werden.

 

Es kann sogar sein, dass Du Dich strafbar machst, wenn Du Dein Kind nicht vor bestimmten Situationen bewahrst oder es daran hinderst, bestimmte Dinge zu tun. Gerade Jugendliche können, wenn sie sich im falschen Freundeskreis bewegen, auf die dümmsten Gedanken kommen und sich dabei ernsthaft gefährden oder strafbar machen. Eines von vielen Beispielen ist der Umgang mit Drogen. Wenn Du davon erfährst, bist Du in der Pflicht, sofort zu handeln.

 

Solche Gespräche können richtig anstrengend und nervenaufreibend sein, denn vermutlich wirst Du nicht immer auf offene Ohren und Verständnis bei Deinem Kind stoßen. Ich habe es schon erlebt, dass mehrere Stunden für ein solches Gespräch nötig waren. Das ist natürlich bitter in Anbetracht der kurzen Zeit, die bei unseren Treffen zur Verfügung steht. Da wäre es wirklich bequemer, auf die Diskussion zu verzichten und stattdessen die kurze Zeit zu genießen.

 

Für einen getrennten Vater tut sich dabei noch ein ganz anderes Risiko auf: es geht nicht nur um das aktuelle Treffen, welches eventuell unter dem schwierigen Thema leidet. Es geht auch um zukünftige Treffen, die eventuell in Gefahr geraten, weil das Kind keine Lust auf schwierige Gespräche mit dem Papa hat. Dann wird der Papa eben nicht mehr besucht, wenn er immer so nervt.

 

Hierbei wird deutlich, dass ein getrennter Vater für ein schwieriges Gespräch mit dem eigenen Kind sehr viel mehr Diplomatie und Einfühlungsvermögen, aber auch Mut und Entschlossenheit benötigt als die Mutter des Kindes. Denn es steht viel mehr auf dem Spiel, was dann auch nicht mal eben am nächsten Tag wieder bereinigt werden kann. Umso wichtiger ist die sorgfältige Abwägung der Notwendigkeit für ein solches Gespräch.

 

Unter Umständen kann es auch helfen, sich mit der Mutter zu unterhalten, bevor Du mit Deinem Kind redest. So erfährst Du vielleicht Dinge, die Dir helfen zu entscheiden, ob das Gespräch sinnvoll ist und worüber Du am besten nicht mit Deinem Kind sprichst. In jedem Fall ist es erstrebenswert, dass Du Dich bei wichtigen Themen mit der Mutter – sofern das möglich ist – weitestgehend einigst.

 

Ich habe in einem früheren Beitrag vom 30. April 2019 bereits ein paar Hinweise gegeben, welche Regeln meiner Meinung nach dabei helfen können, schwierige Gespräche mit dem eigenen Kind zu führen. Ich wiederhole mich hier noch einmal, aber es passt an dieser Stelle eben wieder:

 

Wichtig ist in meinen Augen, dass das Gespräch einen klaren Anfang und auch möglichst bald darauf ein klares Ende hat. Und es ist wichtig, dass ein solches Gespräch – soweit möglich und planbar – nicht unmittelbar am Anfang oder am Ende des Besuchs passiert. Eingebettet in unproblematische, fröhliche und leichte Phasen lässt sich ein solches Gespräch von allen Beteiligten gut verdauen.

 

Die Erziehung eines Kindes ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Selbst intakte Familien bohren da hin und wieder sehr dicke Bretter. Für getrennte Eltern wird diese Aufgabe nicht einfacher, denn die Trennung bringt zusätzliche Herausforderungen für Eltern und Kind mit sich. Ein getrennter Vater, der sein Kind nur selten sieht, hat meines Erachtens aus mehreren Gründen die schwächste Ausgangsposition. Trotzdem gilt es auch für ihn, sich dieser Aufgabe zu stellen und das Kind auf seinem Weg liebevoll, kraftvoll und engagiert zu begleiten.

 

Welche Erfahrungen hast Du gemacht, wenn Du mit Deinem Kind über ein schwieriges Thema sprechen musstest? Wie entscheidest Du über die Notwendigkeit, wählst den besten Zeitpunkt und triffst den passenden Ton? Oder bist Du in erster Linie ein Freund Deines Kindes und überlässt die Erziehung der Mutter? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!