Entfremdung zwischen getrenntem Vater und Kind

Hiermit möchte ich ein Thema aufgreifen, welches mir nicht leicht fällt. Das liegt daran, dass es wenig mit harten Fakten zu tun hat, die man wunderbar beschreiben und erklären könnte. Es geht um diese verstörende Erkenntnis, dass man als Vater sein eigenes Kind nicht mehr richtig kennt. Und es geht um das Gefühl, zu seinem eigenen Kind keine wirklich innige Beziehung mehr zu haben.

 

Der Begriff „Entfremdung“ beschreibt nur sehr ungenügend, wie es sich anfühlt, wenn man mit seinem eigenen Kind zusammen ist und plötzlich diese Traurigkeit darüber spürt, dass man eigentlich keinen Kontakt mehr hat, nicht verbunden ist, keinen Draht zueinander findet.

 

Vermutlich kennt so gut wie jeder erwachsene Mensch das Thema „Entfremdung“. Man trifft einen alten Freund oder früheren Kollegen und weiß nicht mehr so recht, was man miteinander reden soll. Es gibt keine aktuellen gemeinsamen Themen mehr, sieht man mal von Politik und Fußball ab. Was man hat, sind die alten Geschichten, in denen man mühsam herumstochert, um irgendwie miteinander warm zu werden. Und mit ein wenig Glück kann man schließlich zusammen über eine Anekdote aus der gemeinsamen Schulzeit lachen.

 

Das ist für niemanden wirklich verwunderlich, schließlich hatte man sich schon seit langer Zeit nicht gesehen und nichts voneinander gehört. Dass man sich dabei entfremdet, ist irgendwie klar, auch wenn es trotzdem traurig ist, gerade bei alten Freunden. Aber eigentlich hatte man damit gerechnet, als man sich zum Bier verabredete.

 

Aber das eigene Kind? Keine gemeinsamen Themen? Kein Draht zueinander? Keine Vertrautheit? Nicht wissen, was man miteinander reden soll? Damit rechnet vermutlich kein Vater, wenn er nach mehreren Wochen den ersehnten Besuch bekommt. Dieses Gefühl der Entfremdung kommt aus heiterem Himmel und trifft einen Vater völlig unvorbereitet. Dementsprechend hilflos und überfordert ist er auch damit.

 

Entfremdung kann auch durch massive äußerliche Veränderung des Kindes entstehen. Gerade während der Pubertät können sich junge Menschen so sehr verändern, dass man sein eigenes Kind kaum wieder erkennt. Das ist gerade für getrennte Väter sehr verstörend, weil sie den Prozess der Veränderung überhaupt nicht oder nur zu einem kleinen Teil miterleben. Es ist so ähnlich, wie wenn ein geliebter Mensch stirbt und an seine Stelle jemand tritt, den man nicht kennt.

 

Ich kann an dieser Stelle nur aus der Sicht eines Vaters schreiben, vermute aber, dass es für die betroffenen Kinder nicht viel anders ist. Wie ist es wohl für ein Kind, wenn es nach Monaten den eigenen Vater trifft und feststellt, dass ihm dieser Mann nicht mehr so richtig vertraut ist? Wenn also ein junger Mensch Lust hat, mir seine Sicht auf diese Situation zu schildern, wäre ich sehr daran interessiert.

 

Der Grad der Entfremdung hängt natürlich stark von der Häufigkeit und Regelmäßigkeit der einzelnen Kontakte ab. Je öfter und ausführlicher man sich austauscht, umso weniger oder  langsamer entfremdet man sich voneinander. Aber nach meiner Erfahrung ist es eine Illusion zu glauben, man könnte, wenn man nur häufig genug miteinander telefoniert, einer Entfremdung dauerhaft vorbeugen. Denn gemeinsames Erleben kann nicht durch ein Telefonat oder einen Post in Facebook ersetzt werden.

 

Ich finde, dieses Thema hat auch ein wenig den Charakter eines Tabuthemas. Wer offen über seine Entfremdung zum eigenen Kind spricht, gibt damit auch indirekt zu, es nicht geschafft zu haben, den Kontakt vernünftig zu pflegen. Es geht deshalb ein wenig der Hauch des Versagens damit einher, und wer gibt schon gerne zu, ein Versager zu sein. Also ist es wohl besser, darüber zu schweigen!?

 

Ich habe es mir mit dieser Website zur Aufgabe gemacht, alle Themen offen und ehrlich zu beleuchten. Denn nur so kann die Website – davon bin ich absolut überzeugt – ihr Potenzial voll entfalten. Es geht deshalb in diesem Beitrag auch um das Versagen, um meines und um Deines.

 

Was ist denn eigentlich die Ursache für die Entfremdung zwischen Vater und Kind? In erster Linie kommt die Entfremdung daher, dass die große räumliche Entfernung sowie seltene Kontakte zwischen den beiden zu einer Störung der natürlichen Beziehung führen, die idealerweise sehr eng und intensiv ist.

 

Diese Störung in der Beziehung führt dazu, dass gemeinsames Erleben und Erfahren kaum noch gegeben ist. Die individuelle Entwicklung des einen kann vom anderen nicht mehr beobachtet, miterlebt und verstanden werden. Es gibt immer weniger verbindende Ereignisse, verbindende Orte oder verbindende Menschen.

 

Natürlich kann man sich auch voneinander entfremden, wenn man unter einem Dach lebt. Denn auch dabei ist es möglich, den anderen nicht teilhaben zu lassen an den eigenen Themen, Gedanken und Gefühlen. Es gibt vermutlich viele Ehepaare, die ein Lied darüber singen können. Aber auf diese Art der Entfremdung möchte ich an der Stelle nicht eingehen, das ist ein ganz anderes Thema.

 

Die fehlende Möglichkeit gegenseitiger Anteilnahme ist es also, die zur Entfremdung führt. Und wenn man es dann miteinander zu tun bekommt, zum Beispiel während eines gemeinsamen Wochenendes, dann fragt man sich: wer ist denn der andere? Was ist ihm wichtig? Was macht ihm Freude? Was interessiert ihn? Was will er? Was will er nicht? Worüber können wir sprechen? Worüber nicht?

 

Je stärker die Entfremdung fortgeschritten ist, umso mehr Fragen stellen sich, und umso mehr Antworten bleiben aus. Das wiederum ruft Gefühle hervor, welche im harmlosen Fall einfach nur Ratlosigkeit sind. Es können aber auch Gefühle der Wut, der Frustration und des Ärgers sein. Wie auch immer, diese Gefühle machen es nicht gerade leicht, ein paar schöne Stunden miteinander zu genießen.

 

Was kannst Du tun, wenn Du spürst, dass Du Deinem Kind entfremdet bist? In meinen Augen kannst Du es zunächst einmal schlicht und ergreifend akzeptieren. Ihr habt Euch lange nicht gesehen und nur selten Kontakt gehabt, da ist es doch kein Wunder, wenn diese innige Vertrautheit, die Du vielleicht noch von früher kennst, nicht mehr vorhanden ist.

 

Natürlich tut es weh, aber warum sollte es mit Deiner Tochter oder Deinem Sohn anders sein als mit einem guten alten Freund oder einem früheren Arbeitskollegen? Es gibt da zwei Menschen, nämlich Dein Kind und Dich, die haben sich in den letzten Wochen oder Monaten individuell weiterentwickelt, ohne dass der eine vom anderen viel mitbekommen hat. Man nennt das auch „Auseinanderleben“. Woher soll da die Nähe und Verbundenheit kommen?

 

Akzeptiere, so gut es Dir möglich ist, dass Ihr Euch gerade nicht so nahe seid. Bleib möglichst  gelassen, suche nicht nach einem Schuldigen und mach auch niemandem Vorwürfe – auch Dir selbst nicht. Vielleicht kannst Du diesen ungeliebten und unerwünschten Zustand sogar als Ansporn verstehen oder als Einladung. Du fragst Dich gerade, wofür?

 

Ich verstehe das so, dass für Dich und Dein Kind die Einladung im Raum steht, aufeinander neugierig zu werden und Euch neu kennenzulernen. Auch Ihr habt vermutlich viele alte Geschichten, in denen Ihr ein wenig herumstochern könnt. Aber weitaus interessanter sind doch die neuen Geschichten, die jeder von Euch zu berichten hat. Seid aneinander interessiert, seid offen miteinander, hört Euch aufmerksam zu und lernt Euch wieder kennen. Lasst Euch gegenseitig an Euren Geschichten teilhaben und genießt, was sie mit Euch machen.

 

Wenn meine Kinder mich besuchen oder wir uns irgendwo treffen, dann hat das auch immer ein wenig von einem Neuanfang. Diese Neuanfänge sind das pralle Leben, voller Gefühle und mit einer großen Nähe. Ich würde es mit einer Perlenkette vergleichen: die Perlen sind die Neuanfänge, dazwischen ist leider nur ein ziemlich dünner Faden. Aber was wirklich zählt: die Kette reißt nicht ab.

 

Und um beim Bild der Perlenkette zu bleiben: falls sie doch einmal gerissen ist, lässt sie sich in vielen Fällen wieder flicken. Man sagt dazu auch anknüpfen, was sowohl auf die Beziehung zwischen zwei Menschen wie auch auf eine Perlenkette zutrifft.

 

Hast Du auch schon Entfremdung zu Deinem Kind erfahren? Wie gehst Du damit und mit den dadurch hervorgerufenen Gefühlen um? Was tust Du oder was tut Ihr, um einer sich abzeichnenden Entfremdung zu begegnen? Wie findet Ihr wieder Nähe, wenn Ihr Euch mal fremd seid? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!