Getrennte Väter und die Freude an den Festtagen

Wer braucht denn heutzutage noch einen Grund zu feiern? Ein paar gute Freunde, leckeres Essen, genug zu trinken, geile Musik, und schon startet die Party. Warum, wieso, weshalb? Nicht so wichtig! Hauptsache, die Gäste sind gut drauf und die Nachbarn machen keinen Stress. Hört sich toll an, oder?

 

Auf diese Weise kann jeder beliebige Tag zum Festtag werden, aber um solche Festtage geht es mir an dieser Stelle nicht. Mir geht es hier in diesem Beitrag insbesondere um die Weihnachtstage (die beinahe schon wieder vor der Tür stehen), um Silvester, Ostern, Geburtstage oder andere Feste, zu denen sich Familien üblicherweise zusammenfinden.

 

Jedes dieser Feste hat eine besondere Bedeutung, übt einen ganz speziellen Reiz aus, verbreitet diese einzigartige Atmosphäre oder verhilft zu wochenlanger Vorfreude, sodass man es kaum noch erwarten kann: gerötete Wangen, strahlende Augen, freudige Nervosität. Es sei denn, Du bist ein getrennter Vater!

 

Als getrennter Vater hast Du vielleicht im Vorfeld zu solchen Festtagen und auch an den Festtagen selbst schon folgendes erlebt: Gefühle der Zurückweisung, Traurigkeit, Wut und Einsamkeit. Vielleicht wolltest Du Dir an solchen Tagen auch schon das Hirn mit Alkohol betäuben? Vielleicht wolltest Du auch schon einfach Deine Sachen packen und verschwinden?

 

Hast Du Dich betäubt oder verdrückt, oder bist Du geblieben? Hast Du es ausgehalten, bei Deinen Gefühlen und Erinnerungen zu bleiben? Hast Du es ertragen, ohne Dein Kind zu sein an einem dieser Festtage? Konntest Du vielleicht sogar selbst ein wenig feiern? Konntest Du es am Ende noch genießen?

 

Was macht es denn für getrennte Väter so schwer, an solchen Festtagen nicht zu verzweifeln oder in Traurigkeit zu versinken? Welche Strategien gibt es aus meiner Sicht, nicht in den Alkohol oder in eine andere Stadt flüchten zu müssen? Wie können diese Tage auch für getrennte Väter ein Grund zum Feiern sein? Ich möchte versuchen, in diesem Beitrag ein paar Antworten zu liefern.

 

Zunächst einmal ein paar Gedanken zu der Frage, was es für getrennte Väter so schwer macht. Zum einen liegt es wahrscheinlich daran, dass man es von früher so kennt: traditionell feiern Eltern solche Feste mit ihrem Kind gemeinsam. Alle sind zusammen, gestalten gemeinsam den Tag und den Ablauf des Festes. So war das schon mit den eigenen Eltern, und so sollte es auch mit dem eigenen Kind sein.

 

Mir ist klar, dass nicht jeder Mensch harmonische Feste in seiner Familie erlebt hat. Viele getrennte Väter hatten vielleicht als Kind auch schon kein intaktes Familienleben und kennen von daher diese Idylle überhaupt nicht. Aber das sind dann vielleicht gerade die Väter, die besonders viel Wert darauf legen – eben deshalb, weil sie es selbst nicht hatten.

 

Mir ist auch bewusst, dass Familienfeiern oft alles andere als idyllisch verlaufen. Es gibt viele Gründe, sich gerade bei solchen Gelegenheiten in die Haare zu geraten. Sei es wegen der ungewohnten und intensiven Nähe zueinander, sei es wegen der vielen Kleinigkeiten, die zu erledigen sind, oder wegen des Besuchs der Schwiegereltern, die zwar ganz nett, aber irgendwie anstrengend sind.

 

Aber trotz der verklärten Romantik und der anstrengenden Momente sind solche Feste auch immer etwas Besonderes im ansonsten eher gleichförmigen Alltag. Man verbringt Zeit miteinander, lässt sich gutes Essen schmecken, erzählt sich die neuesten Geschichten und frischt auf diese Weise die vielleicht etwas eingeschlafene Verbundenheit wieder auf. Familienfeiern können Wärme und Geborgenheit schenken – wenn man daran teilnimmt.

 

Es kommt dann aber noch hinzu, dass manche Feste durch die Werbung in den Medien, durch bestimmte Lieder im Radio (ich kann „Driving home for Christmas“ von Chris Rea nicht mehr hören), durch sentimentale Filme im Fernsehen, durch das veränderte Angebot in den Geschäften und dadurch, dass sie wochenlang in aller Munde sind und das Stadtbild prägen, eine riesengroße Bedeutung bekommen. Ich meine damit insbesondere Weihnachten und die Feiertage danach. Durch diesen allgemein betriebenen Hype bekommt das Weihnachtsfest in der Öffentlichkeit eine Bedeutung, die es noch nicht einmal in der katholischen Kirche hat.

 

Was aber einem getrennten Vater wohl am meisten zusetzt ist das Wissen, dass die Mutter des Kindes solche Festtage nicht alleine verbringen muss. Während man selbst nur einen Haufen sentimentaler Erinnerungen hat und mit seiner Traurigkeit alleine ist, feiert die Mutter Weihnachten oder Geburtstag mit dem gemeinsamen Kind. Sie kann genießen, was einem selbst verwehrt bleibt (an dieser Stelle ein Wort an alle Mütter: ja, ich weiß sehr wohl, wie viel Arbeit so ein Fest macht!). Und da soll man als getrennter Vater noch guter Dinge sein?

 

Wenn es gelungen ist, zur Mutter des Kindes eine gute Beziehung zu erhalten und eine ausgewogene Besuchsregelung auch für solche Festtage aufzustellen, dann ist man rein statistisch gesehen nur jeden zweiten Geburtstag und jedes zweite Weihnachten ohne sein Kind. Das ist eine faire Vereinbarung, und damit ist es auch zu verkraften, wenn das Kind – jedes zweite Fest - bei seiner Mutter feiert.

 

Gibt es diese faire Vereinbarung aber nicht, dann muss Jahr für Jahr neu verhandelt werden, und zwar nicht nur mit der Kindsmutter, sondern ab einem gewissen Alter auch mit dem Kind selbst. Wie ich bereits in einem früheren Beitrag erwähnt habe, lassen ältere Kinder nicht mehr einfach so über sich bestimmen. Freunde werden mit der Pubertät allmählich wichtiger als die Eltern, und Besuche beim Papa stehen nicht unbedingt ganz oben auf der Liste. Dann bleibt man als getrennter Vater eben an Weihnachten alleine, weil das Kind keine Lust hat zu kommen. Aus Sicht des Kindes nur allzu verständlich, aus Sicht des Vaters aber eine ziemlich harte Nuss.

 

Wie lässt sich diese harte Nuss nun knacken? Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass es hilft, den Blick auf das zu richten, was in meinen Augen wirklich von Bedeutung ist. Ich habe festgestellt, dass es zwar schön und willkommen ist, wenn mich meine Kinder besuchen, ihr Wohlergehen aber sehr viel wichtiger für mich ist. Ich kann damit leben, wenn meine Kinder nicht bei mir sind, aber ich kann in keinster Weise damit leben, wenn es ihnen schlecht geht.

 

Ich will an dieser Stelle nicht zu tief in die psychologische Kiste greifen, und vermutlich würde mich bei dem Versuch jeder halbwegs erfahrene Psychologe mühelos in der Luft zerreißen. Aber ich traue mich mal zu behaupten, dass der Nussknacker darin liegt, die eigene Bedürftigkeit wahrzunehmen und sich davon zu befreien.

 

Was meine ich mit Bedürftigkeit? Wenn es mir nur mit meinen Kindern zusammen gut geht oder ich nur in der Gegenwart meiner Kinder fröhlich sein kann, dann macht mich das bedürftig nach der Anwesenheit meiner Kinder. Wenn die Quelle meiner Fröhlichkeit aber nicht in meinen Kindern liegt, sondern in mir selbst, dann gibt es auch keine Bedürftigkeit. Dann geht es mir gut, wenn meine Kinder bei mir sind, und es geht mir gut, wenn sie nicht bei mir sind.

 

Mir ist klar, dass der Begriff „Bedürftigkeit“ im Zusammenhang mit den eigenen Kindern nicht ganz passend ist. Natürlich hat man seine eigenen Kinder gerne um sich, und natürlich geht es einem Vater (oder einer Mutter) nicht so blendend damit, wenn die eigenen Kinder weit weg sind. An dieser natürlichen Bedürftigkeit ist nichts verkehrt, aber sie wird problematisch, wenn man davon abhängig ist, dass sie gestillt wird.

 

Es geht also darum, eine Abhängigkeit aufzulösen und zu erkennen, dass das eigene Befinden unabhängig davon ist, ob man alleine ist, oder ob man mit guten Freunden, mit Kollegen, den Eltern, den Nachbarn oder seinem Kind zusammen ist.

 

Wenn man das schafft, kann man Weihnachten – oder jedes andere Fest – ohne sein Kind verbringen. Und nicht nur das, man kann auch selbst feiern, vielleicht mit seinem Kind im Laufe des Tages telefonieren und ihm von Herzen ein schönes Fest sowie alles Gute wünschen. Diese Fähigkeit hat etwas von einem König, findest Du nicht auch?

 

Ich will damit aber nicht ausdrücken, dass Du in Zukunft jedes Jahr den König machst, während die Mutter mit Eurem Kind feiert. Wenn es dieses Jahr so ist, dann sollten im kommenden Jahr die Rollen vertauscht sein, denn einer Mutter steht die Rolle der Königin ebenfalls gut zu Gesicht. Dafür solltest Du Dich einsetzen, wobei Dir aber eher der Krieger in Dir hilft, weniger der König. Und damit ist auch schon Schluss mit den psychologischen Ansätzen.

 

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass es unter Umständen auch denkbar wäre, das eine oder andere Familienfest gemeinsam zu feiern. Warum immer darüber verhandeln, wer in den Genuss des Kindes kommen soll, wenn es auch anders geht? Lass Dir oder lasst Euch den Gedanken mal auf der Zunge zergehen!

 

Hast Du auch schon an Weihnachten auf Dein Kind verzichten müssen? Weißt Du, wie es ist, ohne Dein Kind Geburtstag zu feiern, oder beim Geburtstag Deines Kindes nicht dabei sein zu können? Was macht das mit Dir, und wie gehst Du damit um? Welche Strategien hast Du entwickelt, um solche Festtage nicht als Belastung erleben zu müssen? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!