· 

Ein Loch ist im Eimer

Kennst Du das Lied „Ein Loch ist im Eimer, Karl Otto“ vom Medium-Terzett aus dem Jahr 1964? Ich vermute, Du kennst es! Falls nicht, findest Du es problemlos bei YouTube. Und was ist mit dem Loch im Eimer zu tun? Natürlich, man stopft es. Keine Frage!

 

Dass sich das Loch nicht stopfen lässt, ist im Lied ziemlich lustig, in meinem Leben dagegen eher traurig. Falls Du Dich fragst, von welchem Loch ich hier eigentlich schreibe: Es geht um das Loch, welches sich in mir geöffnet hat, als meine Familie von München nach Hamburg umzog.

 

Die Trennung von meiner ersten Frau ist schon lange her, und auch der Umzug meiner Familie nach Hamburg liegt mehrere Jahre zurück. Die Zeit heilt viele Wunden, heißt es, und das stimmt tatsächlich: Ich erlebe es selbst immer wieder. Was vor Jahren noch ein großer Schmerz war, ist heute nicht einmal mehr ein Jucken.

 

Was ich aber auch erlebe: Die Zeit stopft keine Löcher. Das Loch, welches ich in mir trage, spüre ich noch bis heute an manchen Tagen. Ich habe im Großen und Ganzen gelernt, damit zu leben, aber es gibt Tage, da will mir das nicht so richtig gelingen.

 

Deshalb gab es tatsächlich auch schon Bestrebungen meinerseits, das Loch wieder zu stopfen. Aber dazu später mehr!

 

 

Ein lückenhaftes Alphabet

 

Wie sieht es eigentlich aus, dieses Loch? Oder besser gefragt: Was war denn vorher an der Stelle, wo jetzt das Loch klafft? Diese Frage wird jeder getrennte Vater auf ganz unterschiedliche Weise beantworten. Einige Antworten werden sich zumindest partiell ähneln, aber ganz bestimmt wird jede Antwort auch einen individuellen und sehr persönlichen Teil enthalten. Dieser individuelle Teil ist vermutlich auch der Verursacher des größten Leids.

 

Was vermisse ich seit dem Umzug meiner Familie nach Hamburg? An dieser Stelle könnte ich anfangen aufzuzählen, und wäre vermutlich morgen noch nicht fertig damit. Ich könnte bei A wie Ausflug anfangen, einen Abstecher zu B wie Basteln machen, danach zu T wie Trösten gehen und bei Z wie Zuhören enden. Dieses persönliche Alphabet hätte deutlich mehr als nur 26 Buchstaben.

 

Die meisten dieser Dinge sind unersetzlich, sie bestimmen und prägen das Verhältnis zwischen Vater und Kind. Das gemeinsame Erleben verbindet und kräftigt die Beziehung. Es ist äußerst schmerzhaft, wenn das alles nicht mehr oder nur noch sehr selten möglich ist. Einem Vater fehlt ein gutes Stück von seinem Lebensinhalt, wenn sein persönliches Alphabet nur noch aus sehr wenigen Buchstaben besteht.

 

Das Fehlen dieser gemeinsamen Erlebnisse führt bei mir dazu, dass mir von Zeit zu Zeit das Gefühl abhandenkommt, ein Vater zu sein. Ich meine damit diese tief verwurzelte Kraft, die von innen heraus trägt und mich auf eine ganz bestimmte Art fühlen, denken oder handeln lässt - so wie eben nur ein Vater fühlt, denkt oder handelt.

 

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber es gibt tatsächlich Phasen in meinem Leben, in denen ich komplett vergesse, dass ich Vater von zwei wunderbaren Menschen bin. In diesen Phasen bin ich weder gedanklich noch emotional mit meinen Kindern verbunden. In solchen Phasen habe ich keine Kinder. Das führt so weit, dass ich nicht einmal daran denke, sie zu meiner Geburtstagsfeier einzuladen.

 

Wenn ich in einer solchen Phase stecke, dann sehe und spüre ich das Loch in mir natürlich nicht. Aber diese Phasen enden irgendwann, spätestens beim nächsten Telefonat oder einem anderen Ereignis. Dann hebt sich der Vorhang und gibt den Blick auf das dunkle, tiefe Loch frei, das nicht verschwunden, sondern lediglich verdeckt war.

 

Und wenn alles sichtbar wird, was für mich Vaterschaft bedeutet und jetzt nur noch sporadisch oder überhaupt nicht mehr möglich ist, kann es passieren, dass Gefühle der Traurigkeit über die vielen Verluste, aber auch der Wut kommen. Solche Gefühle auszuhalten gelingt mir nicht jeden Tag gut, und das Bedürfnis, das Loch schnell wieder zu stopfen, ist mir sehr vertraut.

 

 

 Der Kinderwunsch

 

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich mit meiner heutigen Frau über ein gemeinsames Kind gesprochen habe. Es war im Sommer 2013, wir lagen am Badesee und sprachen über dies und das. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, wie es überhaupt dazu kam. Vielleicht hatten die vielen Kinder, die in unserer Nähe geschrien und getobt haben, uns dazu inspiriert.

 

Auf alle Fälle dachten wir plötzlich laut darüber nach, wie es wäre, Eltern eines gemeinsamen Kindes zu werden - zunächst nur ein Gedankenspiel. Meine Frau hat selbst zwei erwachsene Kinder aus ihrer ersten Ehe, und ich habe meine beiden. Gemeinsame Kinder gibt es keine.

 

Ich spürte während des Gesprächs, wie mich dieser Gedanke faszinierte, und steigerte mich immer mehr hinein. Auch meine Frau war nicht komplett abgeneigt, wobei sie bei weitem nicht so hingerissen von der Idee war wie ich. Uns war das erhöhte Risiko während Schwangerschaft und Geburt für Mutter und Kind bewusst. Wir waren damals beide Mitte 40, wären also keine jungen Eltern mehr gewesen.

 

Uns war auch klar - schließlich hatten wir bereits jahrelange Erfahrung als Eltern - dass ein Kind nicht nur Freude macht. Ich denke, ich kann an dieser Stelle darauf verzichten, dies näher zu erläutern. Jeder, der Kinder hat, kennt die Sonnen- und auch die Schattenseiten nur zu gut.

 

Andererseits war für mich der Gedanke faszinierend, noch einmal ein Kind zu haben, es aufwachsen zu sehen, auf seinem Lebensweg zu begleiten und wieder richtig Papa sein zu können. Wie gesagt, meine Frau war deutlich zurückhaltender als ich, aber ich spürte damals am See, dass ich sehr gerne noch einmal mit allem was dazu gehört Papa sein will. Die Idee hatte mich in ihren Bann gezogen.

 

Wir beschlossen, dass meine Frau ein Gespräch mit ihrer Frauenärztin führen sollte, danach wollten wir weitersehen. In den folgenden Tagen schwankte ich ziemlich hin und her: Zum einen hatte ich ein schlechtes Gewissen meinen beiden Kindern gegenüber, weil ich fürchtete, ich würde sie verraten. Zum anderen wünschte ich mir sehnlichst, dass ich noch einmal Papa sein darf. Dazwischen waberten immer wieder Ängste, Hoffnungen, Unsicherheit und Entschlossenheit - wie Nebelschwaden auf dem Feld.

 

Nach dem Gespräch mit der Frauenärztin war klar, dass das Risiko während der Schwangerschaft und Geburt zumindest erhöht war. Ein solches Risiko wollten wir auf keinen Fall eingehen, darüber waren wir uns von Anfang an einig gewesen. Deshalb beerdigten wir den Wunsch nach einem gemeinsamen Kind wieder, was mich zwar etwas traurig machte, aber die Traurigkeit verflog sehr schnell. Ich war hauptsächlich froh und erleichtert, dass dieses Thema für mich endgültig erledigt war.

 

Erst danach ging ich der Frage nach, warum ich denn so gerne noch einmal ein Kind gehabt hätte. Was steckte wirklich dahinter? Ich entdeckte sehr schnell den eigentlichen Grund: Ich wollte das Loch stopfen, welches ich in mir trage. Dieses gemeinsame Kind sollte das Loch stopfen, welches sich durch den Wegzug meiner Familie aufgetan hatte: sozusagen ein Ersatzkind oder Lückenbüßer.

 

Als ich das erkannte, war ich erschüttert und erleichtert zugleich. Erschüttert, weil mir klar wurde, welche Aufgabe unser gemeinsames Kind in unserer Familie gehabt hätte, denn es hätte mindestens zwei Geschwister ersetzen müssen. Eine Aufgabe, die nicht zu meistern ist, an der ein Mensch sogar zerbrechen kann.

 

Erleichtert war ich, weil es zum Glück nicht dazu gekommen ist und auch nicht mehr dazu kommen wird. Meine Kinder sind nicht zu ersetzen, das ist mir damals klar geworden. Und ich habe auch erkannt, dass dieses Loch in mir nicht gestopft werden kann. Es ist ein untrennbarer Teil von mir, und ich werde mit ihm leben, auch wenn das manchmal ziemlich weh tut.

 

Wie schaffst Du es, mit dem Loch in Dir zu leben? Hast Du auch schon darüber nachgedacht, mit Deiner neuen Partnerin ein gemeinsames Kind zu bekommen? Oder bist Du bereits erneut Vater geworden? Was hat Dich dazu bewogen, Dich so zu entscheiden, wie Du es getan hast? Wie hat diese Entscheidung Dein Leben verändert? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!