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Getrennte Väter und instrumentalisierte Kinder

Auslöser für den folgenden Beitrag ist die Zuschrift einer Leserin. Die Beziehung zu ihrem Freund ist schwer belastet, weil die Exfrau des Freundes die gemeinsamen Kinder benutzt, um den Vater unter Druck zu setzen.

 

 

Frage

 

Ich bin seit über zwei Jahren mit meinem Freund liiert. Seine Exfrau entzieht ihm immer wieder für längere Zeit die Kinder und benutzt diese als Druckmittel, um ihre Interessen durchzusetzen.

 

Sie verhindert seit zwei Jahren, dass die Kinder mich kennenlernen dürfen, obwohl ich eine Tochter im gleichen Alter habe.

 

Sobald mein Freund einen Versuch startet, dass wir uns sehen beziehungsweise kennenlernen, wird er sofort mit dem Entzug der Kinder über größere Zeiträume bestraft.

 

Unsere Beziehung ist dadurch sehr belastet, weil er sich immer extra Urlaub für die Kinder nehmen muss und wir uns in der Zeit nicht sehen können.

 

Außerdem macht er sich erpressbar. Wenn er mal zwei Monate die Kinder nicht gesehen hat, willigt er in alles ein, auch wenn wir eigentlich in dem Zeitraum etwas geplant hatten.

 

Ich weiß nicht mehr, wie ich damit umgehen soll.

 

 

Antwort

 

Die Exfrau Ihres Freundes nutzt die Kinder ganz offensichtlich, um ihre Ziele (wie auch immer diese aussehen) zu erreichen. Die Instrumentalisierung von Kindern ist leider ein häufig anzutreffendes Thema, welches unterschiedliche Formen annehmen kann. Ich möchte mich aber an dieser Stelle nicht auf diesen Aspekt konzentrieren, denn das hilft Ihnen nicht weiter.

 

Die Tatsache, dass Sie sich an mich wenden, zeigt deutlich, wie sehr Sie unter der beschriebenen Situation leiden - vielleicht sogar noch mehr als Ihr Freund. Ich kann das absolut nachvollziehen, schließlich werden neben Ihrem Freund auch Sie und Ihre Tochter vom Verhalten der Exfrau beeinflusst. Es müssen immer wieder Pläne über den Haufen geworfen und Opfer gebracht werden, damit Ihr Freund seine Kinder sehen kann.

 

Ich kann zwischen den Zeilen auch einen gewissen Ärger über das Verhalten Ihres Freundes erkennen, der erpressbar ist und sich erpressen lässt. Er möchte seine Kinder wenigstens ab und zu sehen, und dafür nimmt er einiges auf sich. Er nimmt sogar die Belastung Ihrer Beziehung in Kauf, was Sie natürlich nicht freut (um es milde auszudrücken). Vielleicht sehen Sie eine Abwertung Ihrer Person darin (seine Kinder sind ihm wichtiger als Sie), die Sie kränkt oder verletzt.

 

Ich möchte aber an dieser Stelle zunächst nicht auf das Verhalten Ihres Freundes eingehen. Dazu schreibe ich ganz am Schluss noch ein paar Zeilen. Aus meiner Sicht kann es hier nur darum gehen, was Sie selbst tun können. Sie schreiben „Ich weiß nicht mehr, wie ich damit umgehen soll“. Mal sehen, ob ich Ihnen helfen kann.

 

Als getrennter Vater, der zum Glück diese Erfahrung noch nicht machen musste, wie sie Ihr Freund macht, versuche ich mal, mich in Ihren Freund zu versetzen. Sobald ich das tue, merke ich sofort, dass ich zwischen zwei Stühlen sitze: Zum einen sind da meine Kinder, die ich liebe und unbedingt sehen will. Zum anderen ist da meine Freundin (Sie), die ich liebe und mit der ich glücklich sein möchte. Beides zur gleichen Zeit geht nicht, dafür sorgt die Exfrau durch ihr Verhalten.

 

Nun beginnt für mich der Versuch eines Spagats, was auf Dauer nicht gutgehen kann. Ich muss Kompromisse machen, Pläne kurzfristig ändern oder ganz über Bord werfen, Opfer von mir und anderen verlangen, geliebte Menschen bevorzugen oder zurückweisen. Solche Versuche, es allen und jedem recht zu machen, gehen in der Regel schief - wie auch Ihr Schreiben deutlich zeigt.

 

Spontan würde man natürlich darüber nachdenken, zuallererst ein Gespräch mit der Exfrau zu führen, ihr die Situation und die daraus resultierenden Probleme zu schildern, und sie um Verständnis beziehungsweise ein faires Verhalten bitten. Ich bin relativ sicher, dass es solche Versuche in der Vergangenheit bereits gegeben hat, und ich glaube zu wissen, dass diese Versuche zu nichts geführt haben. Vielleicht haben sie die Situation sogar noch verschlimmert.

 

Selbstverständlich könnte auch Ihr Freund sein Verhalten ändern, sich eindeutig entscheiden (wie auch immer) und dann dabei bleiben. Dann wüssten Sie wenigstens, woran Sie sind, was die Sache wenigstens etwas vereinfachen würde. Aber ich glaube, dass momentan Sie selbst einen viel größeren Einfluss auf das Geschehen haben als Ihr Freund.

 

Zu einem Spagat gehören zwei feste Positionen (zum Beispiel zwei Stühle), und dazwischen der Turner. Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, wenn der eine Stuhl (Sie) gar nicht so fest stehen würde. Wie wäre es, wenn sich dieser Stuhl an die Elastizität des Turners anpassen könnte? Wie wäre es, wenn der Spagat für den Turner weniger anstrengend wäre, weil sich wenigstens einer der beiden Stühle bewegen würde?

 

Ich weiß, das verlangt sehr viel. Der eine Stuhl steht fest (stur, unerbittlich), während der andere Stuhl immer wieder rutschen, kippeln und wackeln muss. Aber ich glaube, es würde dem Turner helfen, sein Gleichgewicht zu finden. Können Sie - zumindest vorübergehend - dieser flexible Stuhl sein, ohne sich verletzt, gekränkt, zurückgesetzt oder gegängelt zu fühlen? Können Sie Ihrem Freund den Spagat erleichtern, oder erwarten Sie von ihm, dass er sich für einen der beiden Stühle entscheidet? Können Sie in sich gefestigt und trotzdem Ihrem Freund zuliebe flexibel sein?

 

Ich sehe es so: Wenn Sie gemeinsam mit Ihrem Freund ein flexibles Team (Turner und Stuhl) bilden, dann verpuffen die Schikanen der Exfrau. Vielleicht denkt sie sich dann was Neues aus, aber das soll hier kein Thema sein.

 

Ich bin auch sicher, dass dieser Zustand nicht ewig anhalten wird. Kinder werden älter und es wird mit zunehmendem Alter leichter, den Kontakt mit ihnen zu pflegen, ohne dass die Exfrau involviert ist. Auch das Verhalten der Exfrau wird sich ändern, wenn sich deren Lebenssituation - vielleicht aufgrund eines neuen Partners - verändert. Unter Umständen gibt sie dann die Kinder sogar sehr gerne Ihrem Freund (und auch Ihnen), damit sie mehr Zeit für den neuen Partner hat.

 

Nun noch ein paar Worte zum Verhalten Ihres Freundes: Sie haben Ihre Tochter - so vermute ich - bei sich, während er seine Kinder nur sporadisch sieht. Er muss viel hinnehmen, um sie überhaupt zu sehen, während Sie Ihre Tochter „ohne Weiteres“ täglich sehen können. Diese Situation ist für Ihren Freund ein Albtraum, keine Frage. Schließlich will er nicht nur seine Kinder sehen, er will noch dazu unbedingt verhindern, dass seine Kinder enttäuscht oder traurig sind, weil sie ihren Papa nicht sehen können.

 

Er wird diesen Albtraum aber ganz sicher nicht dadurch beenden, dass er sich für einen der beiden Stühle entscheidet. Dazu müsste er dem anderen Stuhl Lebewohl sagen, und das will er auf keinen Fall. Er wird also weiter den Spagat versuchen und dabei hoffen, dass es möglichst lange gut geht. Die klare Position, die Sie von Ihrem Freund gerne hätten, verlangt ihm viel zu viel ab. Die Entscheidung, wie es weiter geht, liegt also in Ihren Händen!

 

Ich bin mir sicher, dass Ihr Freund dank Ihrer Unterstützung mehr und mehr sein inneres Gleichgewicht finden wird. Und er wird auch den großen und wertvollen Anteil sehen, den Sie an seinem gelungenen Spagat haben. Im Laufe der Zeit wird die riesige Angst, geliebte Menschen zu verlieren, immer kleiner. Das wird ihm die Kraft geben, sich eines Tages klar zu positionieren und dem Verhalten der Exfrau einen Riegel vorzuschieben. Glauben Sie mir, er würde es auf der Stelle tun, wenn er nicht so große Angst vor den Konsequenzen hätte!

 

 

Schlusswort

 

Die Instrumentalisierung von Kindern ist ein Verbrechen an den Seelen der Kinder. Dies ist kein Auszug aus einem Gesetzestext, sondern meine ganz persönliche Meinung. Ich bin mir sicher, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine bin.

 

Bei der Trennung von Eltern - ob verheiratet oder nicht - könnte sich der Mann als Opfer fühlen, oder es könnte sich die Frau als Opfer fühlen. Vielleicht fühlen sich sogar beide Elternteile als Opfer - oder keiner von beiden. Was aber die betroffenen Kinder angeht, so sind sie definitiv Opfer dieser Trennung.

 

Wie groß das Opfer ist, und wie tief die Wunden sind beziehungsweise wie lange sie zur Heilung brauchen - falls sie jemals heilen - ist individuell verschieden und hängt von mehreren Faktoren ab. Mit viel Glück sind die Wunden nicht tief und heilen rasch wieder. Wie gesagt, mit viel Glück!

 

Beide Elternteile haben - auch das ist wieder kein Gesetzestext, sondern meine ganz persönliche Meinung - dafür Sorge zu tragen, dass ihrem Kind möglichst wenige und möglichst kleine Wunden durch die Trennung zugefügt werden. Und sie haben weiterhin alles dafür zu tun, dass die zugefügten Wunden ihres Kindes schnellstens und bestens verheilen können.

 

Kinder zu instrumentalisieren, um eigene Ziele zu erreichen, ist ein Verbrechen an den eigentlichen Opfern der Trennung, und noch dazu an den schwächsten Mitgliedern der Familie. Wunden, die dadurch den Kindern zugefügt werden, heilen unter Umständen nie.

 

Hast Du auch schon eine ähnliche Erfahrung wie unsere Leserin gemacht? Hast Du schon erlebt, wie Dein Kind instrumentalisiert wurde? Oder hast Du Dich bereits selbst dabei ertappt, wie Du Dein Kind vor Deinen Karren spannen wolltest, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Bist Du vielleicht sogar selbst von Deinen Eltern benutzt worden? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!