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Abbruch der Verbindung zum Kind - reiner Selbstschutz?

Im Laufe der Jahre, in denen meine Kinder in Hamburg leben, sind viele Ereignisse geschehen, an denen ich nicht teilhaben konnte. Von so manchem Ereignis habe ich erst im Nachhinein erfahren, von einigen weiß ich vermutlich bis heute nichts. Die Entwicklung meiner Kinder ist im Großen und Ganzen buchstäblich an mir vorbei gegangen.

 

Ich könnte an dieser Stelle unendlich viele Begebenheiten aufzählen, an denen ich nicht teilhaben konnte. Nur um ein Beispiel zu nennen: Als meine Tochter von Zuhause auszog und mit ihrem Freund in eine gemeinsame Wohnung einzog, konnte ich ihr nicht helfen. Außer einer Finanzspritze und aufmunternden Worten am Telefon konnte ich leider nichts für sie tun, obwohl es mir ein riesiges Bedürfnis gewesen wäre.

 

Offen gestanden gab und gibt es aber auch Themen, auf die ich nicht wirklich scharf bin. Nicht jedes Ereignis ist ein Freudiges, nicht alles ist herzlich willkommen. So habe ich zum Beispiel die pubertären Phasen im Leben meiner Kinder zum Glück nur sehr selten erlebt. Und wenn ich sie erlebt habe, war ich froh, dass es nur für kurze Zeit ist.

 

Vater zu sein hat viele Seiten, und es gehören auch schwierige Themen dazu. Es hat was von einem gemischten Salat, es ist von allem etwas dabei. Auch beim gemischten Salat kann es einzelne Zutaten geben, die man nicht besonders gerne mag, trotzdem kann der Salat insgesamt ganz hervorragend schmecken - solange man nicht ewig auf den ungeliebten Zutaten herum kaut.

 

 

Was ist dran am Vater-Sein?

 

Ursprünglich hatte ich vom Vater-Sein eine relativ einfache und vielleicht auch etwas naive Vorstellung: Ich bekomme - selbstverständlich zusammen mit meiner Partnerin - ein geliebtes Kind, welches ich auf seinem Lebensweg begleite, es unterstütze, berate, schütze, erziehe und versorge. Irgendwann ist dieses Kind erwachsen, gründet eine eigene Familie und macht mich mit etwas Glück zum Opa.

 

Bevor ein Aufschrei durch die Reihen meiner Leser geht: Vater zu sein endet nicht, wenn das Kind eine eigene Familie gründet und damit den Vater zum Opa macht. Es wird auch nicht jeder Vater irgendwann zum Opa, das ist mir sehr wohl bewusst. Ich bediene mich aber trotzdem dieses vereinfachten Modells, um den hohen Stellenwert dieser Lebensphase zu verdeutlichen.

 

Da diese Phase ungefähr 30 Jahre andauert, kommt sie im Leben eines Mannes nur einmal vor. Natürlich lässt sich diese Phase durch verschiedene Tricks und Kniffe - zum Beispiel durch mehrere Kinder - beliebig in die Länge ziehen, aber darauf möchte ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Ich schreibe diesen Blog schließlich auch für Väter, die nur ein einziges Kind haben.

 

Es geht hierbei also um eine einmalige und begrenzte Zeit, die vom Kind und seinen Eltern besonders intensiv erlebt wird, solange das Kind minderjährig ist und noch unter einem Dach mit seinen Eltern lebt. Diese intensive, einmalige und unersetzliche Zeit konnte ich überhaupt nicht oder nur zu einem kleinen Teil miterleben. Für mich fühlt sich das an manchen Tagen so an, als wäre ich nie Vater gewesen. Eine bedeutende Phase in meinem Leben – im Leben eines Mannes – die für immer fehlt.

 

Mein Schmerz ist dann so groß, dass ich manchmal den Gedanken habe, es wäre leichter für mich, den Kontakt zu meinen Kindern ganz abzubrechen. Einfach nichts mehr von ihnen hören und sehen, und vielleicht wäre irgendwann der Abstand zu ihnen, zu meinen Gefühlen und Erinnerungen groß genug. Vielleicht wäre ich irgendwann schmerzfrei!

 

Es ist ein ganz natürliches und auch menschliches Verhalten, sich von einer erdrückenden Last zu befreien, die man nicht mehr tragen kann. Wie wenn man einen viel zu schweren Rucksack absetzt oder eine Mücke erschlägt, die gerade dabei ist, zu stechen. Dann ist man los, was einen quält, weh tut oder unglücklich macht.

 

Alleine die Tatsache, dass ich in Bezug auf meine Kinder solche Gedanken habe, zeigt schon, wie es mir an manchen Tagen damit geht, dass zwischen ihnen und mir so eine große Distanz liegt. Die Phasen in meinem Leben, in denen ich das Geschehene als Verlust empfinde, sind so belastend, dass ich es nur schwer aushalten kann und vieles tun würde, um mich davon zu befreien.

 

Glücklicherweise sind solche Phasen aber sehr selten, und wenn sie vorkommen, dauern sie nicht all zu lange. Inzwischen bin ich auch dahinter gekommen, dass es sich dabei um Phasen handelt, in denen ich nicht in meiner Mitte bin. Ich meine damit Zeiten, in denen ich traurig bin, mich kraftlos fühle oder wenig inneren Antrieb habe. Die Ursachen dafür können vielfältig sein, aber sie führen gelegentlich dazu, dass ich mit meinen Kindern nicht intensiv verbunden bin.

 

 

Es gibt mehr als einen Weg

 

Insgesamt überwiegen aber deutlich die Liebe zu meinen Kindern, eine tiefe Verbundenheit und die Gewissheit, Vater von zwei wunderbaren Menschen zu sein. Allerdings hat sich mein Vater-Sein durch den Umzug meiner Familie sehr verändert und ist in vielerlei Hinsicht nicht so, wie ich es mir vor vielen Jahren ausgemalt hatte.

 

Heute weiß ich, dass solche traditionellen Vorstellungen von der Vaterfigur inzwischen völlig überholt sind. Natürlich gibt es noch sehr viele Väter, die ihre Rolle auf die klassische Art und Weise ausfüllen. Aber es gibt auch sehr viele Väter, die neue Wege gehen, auf andere Art die Beziehung zu ihrem Kind pflegen und dem Vater-Sein einen ganz eigenen Stempel aufdrücken.

 

Vater zu sein hat viele Gesichter: Es gibt nicht nur einen Weg, die Rolle des Vaters auszufüllen, sondern viele verschiedene. Jeder dieser Wege hat seine Berechtigung, jeder kann der richtige Weg sein, denn kein Lebensmodell gleicht dem anderen. Es gibt keinen Maßstab, der den echten Vater vom falschen Vater unterscheidet. Es gibt auch keinen Halb-Vater oder Voll-Vater, abhängig von der Häufigkeit der Kontakte.

 

Vater zu sein bedeutet in erster Linie, von Herzen mit seinem Kind verbunden zu sein. Vater-Sein ist ein Gefühl, das man in sich trägt und das zu einem großen Teil aus Liebe besteht. Diese Liebe zum Kind ist die Kraft, die es ermöglicht, den Schmerz über die Trennung zu halten. Und diese Liebe ist es auch, die einen Kontaktabbruch niemals zulässt.

 

Ich versuche, meine Rolle als Vater so zu gestalten, wie es mir möglich ist und wie ich es für richtig halte. Mag sein, dass der Rahmen, in dem ich mich bewegen kann, kleiner ist als bei anderen Vätern. Und womöglich kann ich viele Geschichten nicht teilen, die andere Väter erzählen. Aber das, worauf es wirklich ankommt, ist uneingeschränkt und jederzeit vorhanden: Vaterliebe!

 

Alleine der Gedanke, meinen Kindern einen Kontaktabbruch anzutun, ist für mich vollkommen inakzeptabel. Es sieht zwar auf den ersten, flüchtigen Blick nach reinem Selbstschutz aus, aber in Wirklichkeit wäre es schwach, feige und sehr grausam. Zunächst vielleicht nur für meine Kinder, aber am Ende ganz bestimmt auch für mich selbst.

 

Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man einen schweren Rucksack vom Rücken nimmt und in die Ecke stellt, oder ob man den Kontakt zu seinem Kind abbricht!

 

Wie schaffst Du es, die Rolle des Vaters auszufüllen, ohne regelmäßigen Kontakt zu Deinem Kind zu haben? Was trägt Dich, wenn der Schmerz über die Trennung von Deinem Kind so groß wird, dass Du glaubst, ihn nicht mehr aushalten zu können? Was hindert Dich daran, einfach alles hinzuschmeißen und den Kontakt zu Deinem Kind abzubrechen? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!