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Nimm es nicht persönlich, Papa

In den vielen Jahren als getrennt lebender Vater habe ich immer wieder Situationen durchlebt, in denen ich mich von meinen Kindern zurückgewiesen, verletzt, gekränkt oder ungerecht behandelt gefühlt habe. Ich reagiere in solchen Fällen entweder mit verbaler Aggression oder mit Rückzug.

 

Im Grunde genommen durchzieht diese Thematik fast mein gesamtes Leben und hat nichts mit meiner Vaterrolle zu tun. Aber in Bezug auf meine Kinder sind Gefühle dieser Art besonders intensiv und nachhaltig.

 

Ich denke sogar, dass sehr viele Menschen solche Gefühle kennen. Zumindest kann ich ab und zu entsprechende Reaktionen auch bei Freunden oder Kollegen beobachten. Wenn sich der andere plötzlich in die Schmollecke zurück zieht und nicht mehr mit sich reden lässt oder ganz im Gegenteil gereizt und angriffslustig wirkt, können das Hinweise auf Kränkung, Zurückweisung oder Verletzung sein.

 

Wodurch Gefühle wie Kränkung oder Verletzung hervorgerufen werden, hängt unter anderem von der individuellen Persönlichkeitsstruktur ab. Was den einen zutiefst verletzt, lässt den anderen vollkommen kalt. Was für den einen kränkend ist, ist für den anderen völlig bedeutungslos. Ich schreibe hier demnach über individuelle Reaktionen, was nahelegt, dass die Reaktion zwar so aussehen kann, aber nicht zwangsläufig so aussehen muss.

 

 

So schnell kann es gehen

 

Als getrennt lebender Vater kennst Du vielleicht folgendes Szenario: Weihnachten steht vor der Tür und wie jedes Jahr ist zu klären, bei welchem Elternteil Euer Kind die Festtage verbringen soll. Da man die Wünsche seines Kindes zumindest ab einem gewissen Alter berücksichtigen sollte, geht die Frage natürlich nicht nur an die Mutter, sondern auch an das Kind selbst.

 

Wie fühlst Du Dich, wenn Du hoffst, dass Dein Kind Weihnachten bei Dir verbringen möchte, aber dann von ihm die Antwort bekommst: „Ich möchte Weihnachten gerne bei Mama bleiben!“?

 

Ein zweites Szenario: Du telefonierst mehr oder weniger häufig und regelmäßig mit Deinem Kind. Im Laufe der Zeit werden die Abstände zwischen den Telefonaten allmählich länger. Zunächst ist das kein Problem und es fällt Dir kaum auf. Aber eines Tages hast Du das Gefühl, dass Du derjenige bist, der immer bei Deinem Kind anruft. Den umgekehrten Fall - Dein Kind ruft bei Dir an - gibt es praktisch nicht.

 

Was macht das mit Dir, wenn Du Dich sehr über einen Anruf Deines Kindes freuen würdest, dieser Anruf aber ausbleibt? Und wie schlimm wird es für Dich, wenn Du weißt, dass Dein Kind zwar täglich mit seinen Freunden telefoniert, aber so gut wie nie mit Dir?

 

Ein drittes Szenario: Während eines Telefonats mit Deinem Kind spürst Du große Sehnsucht und machst den Vorschlag, Dein Kind solle in den kommenden Ferien für ein paar Tage zu Dir kommen. Dein Kind findet die Idee super und verspricht Dir ganz euphorisch, sich mit seiner Mutter abzustimmen und schon bald mit den konkreten Reisedaten zurückzurufen.

 

Wie geht es Dir, wenn Du weder diese Woche noch die kommende Woche von Deinem Kind hörst? Wie weh tut es, wenn Du schließlich zwei Wochen später bei Deinem Kind nachfragst und zur Antwort bekommst: „Oh, das hab ich ganz vergessen!“?

 

Es gibt viele denkbare Szenarien, die dazu geeignet sind, zu kränken oder zu verletzen. Für mich stellt sich deshalb die Frage: Wie kann ich vermeiden, dass ich mich gekränkt oder verletzt fühle und entsprechend reagiere?

 

 

Was macht das Ereignis zum Auslöser?

 

Bevor ich an dieser Stelle meine Sichtweise wiedergebe, möchte ich betonen, dass ich keine psychologische oder medizinische Ausbildung habe. Meine Hochschule auf diesem Gebiet ist das Leben selbst, und ich schreibe hier auf der Grundlage meiner Lebenserfahrung. Fachleute mögen mir meine Laienhaftigkeit bitte verzeihen.

 

Nehmen wir doch einfach mal die drei Beispiele von vorhin, stellvertretend für viele denkbare Szenarien. Was haben diese drei Beispiele gemeinsam? Sie hängen alle mit einer Hoffnung (im ersten Fall), einem Wunsch (im zweiten Fall) oder einer Erwartung (im dritten Fall) zusammen, die nicht erfüllt worden ist.

 

Es gibt natürlich Unterschiede zwischen einer Hoffnung, einem Wunsch und einer Erwartung. Im Internet findet man ausführliche Erläuterungen und Definitionen dazu, die erspare ich Dir aber. Kern aller drei Haltungen ist, dass jemand anderes für die Erfüllung zuständig ist. Geschieht das nicht, können Gefühle von Kränkung, Zurückweisung oder Verletzung entstehen.

 

Aus einem relativ banalen Ereignis - zum Beispiel einer Absage oder einem ausbleibenden Anruf - kann also der Auslöser einer Verletzung oder Kränkung werden, wenn Wunsch, Hoffnung oder Erwartung im Spiel ist. Denn Wunsch, Hoffnung und Erwartung sind eng mit den eigenen Gefühlen verknüpft, und genau da beginnt es kompliziert zu werden.

 

Besteht die Kunst also darin, seinem Kind gegenüber oder generell keinem Menschen gegenüber Wünsche, Hoffnungen oder Erwartungen zu haben? Denn dann kann es auch keine Enttäuschung und als Folge daraus auch keine Kränkung, Zurückweisung oder Verletzung geben. Ist das die Lösung?

 

 

Wunschlos glücklich?

 

Es ist nicht ganz so leicht, wie es zunächst aussieht. Wenn ich mich zum Beispiel darauf freue, mein Kind zu sehen, dann wünsche ich mir auch, dass der Besuch bald zustande kommt. Dann habe ich die Hoffnung, dass nicht alle Flüge auf Monate ausgebucht sind. Und ich erwarte, dass die Mutter meines Kindes sich an die getroffenen Vereinbarungen hält und dem Besuch nicht im Wege steht.

 

Das alles, weil ich mich auf mein Kind freue. Würde ich das nicht tun, dann wäre es mir auch ziemlich egal, wann mein Kind kommt oder ob noch Flüge frei sind. Aber es ist mir nicht egal, stattdessen freue ich mich. Und weil ich mich freue, wünsche, hoffe und erwarte ich auch gewisse Dinge.

 

Vieles kann sich aber ganz schnell in Luft auflösen, weil einer der Beteiligten nicht will, nicht kann oder es ganz einfach wieder vergisst. Dann stehe ich da mit meinem Ärger, meiner Traurigkeit sowie meiner Enttäuschung.

 

Es sei denn, ich habe in mir selbst Raum gelassen für Änderungen und Ausfälle jeglicher Art. Ich will damit nicht sagen, man sollte am besten gleich mit dem Schlimmsten rechnen, denn dann kann man nur noch positiv überrascht werden. Das ist natürlich eine mögliche Strategie, raubt einem aber auch die Vorfreude.

 

Ich denke, es geht darum, den schmalen Grat zu finden zwischen „ich wünsche mir so sehr“ und „wenn es nicht klappt, ist es auch gut“. Manchmal gelingt mir das ganz gut, aber es gibt Fälle, in denen es eben nicht gut ist, wenn es nicht klappt. Vielleicht gibt es diesen schmalen Grat auch nicht immer.

 

Ich bin auch der Meinung, dass man mit Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen an andere Menschen eher sparsam umgehen sollte. Man mutet damit nämlich den anderen eine Verantwortung zu, die sie vielleicht gar nicht übernehmen wollen oder können. Und in vielen Fällen wissen diese Menschen noch nicht einmal, dass sie Verantwortung tragen, nämlich dann, wenn es sich um unausgesprochene Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen handelt.

 

Aber selbst wenn sie davon wissen, gibt es keine Garantie dafür, dass alles so kommt, wie es kommen soll. Das bringt die Verschiedenartigkeit der Menschen und die Unvorhersehbarkeit des Lebens nun einmal mit sich. Es kann deshalb sehr hilfreich sein, nicht alles, was geschieht, was andere tun oder sagen, persönlich zu nehmen.

 

Der mexikanische Schamane und Autor Miguel Ángel Ruiz schreibt in seinem Buch „Die vier Versprechen“ von 1997: „Lerne, Dinge nicht persönlich zu nehmen. Nichts, was andere Menschen tun, ist wegen Dir. Es ist wegen ihnen selbst.“.

 

Bist Du auch schon einmal gekränkt gewesen, weil Dein Kind sich anders verhalten hat, als Du es Dir gewünscht hast? Hast Du Dich auch schon verletzt gefühlt, weil Dein Kind scheinbar wenig Wert auf Dich legt? Oder hast Du einen Weg für Dich gefunden, mit Zurückweisung durch Dein Kind souverän umzugehen? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!