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Papa und der neue Mann

Auslöser für den folgenden Beitrag ist die Zuschrift eines Lesers. Der Vater zweier kleiner Kinder sorgt sich darum, dass seine Ex-Frau irgendwann einen neuen Mann kennenlernen und dieser Mann auch seinen Platz als Papa einnehmen könnte.

 

 

Frage

 

Meine Sorge besteht darin, dass wenn ein neuer Mann in "meine" Familie kommt, er wesentlich mehr Zeit mit meinen noch kleinen Kindern verbringt, sodass ich zwangsläufig irgendwann nur noch die zweite Geige spielen werde.

 

Zwar versuchen mir Familie und Freunde dieses Thema klein zu reden, weil sie sehen, wie sehr die beiden ja an mir hängen, und erst mal ein passender neuer Partner gefunden werden muss, der sich auf zwei kleine Kinder einlässt. Doch denke ich, dass es einfach der Realität entspricht, dass wenn Kleinkindern ein neuer Mann vorgesetzt wird, den Mama liebt und der den Alltag mit meinen Kindern teilt, dieser zwangsläufig meinen Part übernimmt.

 

Womöglich sogar ohne dass es den Knirpsen zu schaffen macht (wenn man es behutsam macht, was Frauen ja bekanntlich hervorragend können).

 

Ich bin der Meinung, dass ich ersetzbar bin und das macht mir Angst und ich führe seit Längerem einen Kampf, ob ich nicht das Handtuch schmeißen soll, wenn eh schon das Scheitern vorauszusehen ist. Wieso Bindungen Intensivieren, wenn ich sowieso ersetzt werden kann. Soll man denn nicht loslassen, was man liebt?

 

Wenn Frau sich erst mal verliebt, werde ich sowieso nur noch ein Störfaktor sein, der das tolle Familienbild beeinträchtigt (auch wenn sie mir gar keinen Grund zu dieser Annahme gibt). Soweit ich weiß, gibt es noch keinen neuen Partner, aber auch das ist ja eh nur eine Frage der Zeit.

 

Momentan (während ich Ihnen diesen Text schreibe) habe ich wieder ein kleines Down, doch weiß ich auch, dass ich meine Phasen habe, in denen ich total optimistisch bin und mich mit meinen Kindern im Urlaub sehe und tierisch glücklich bin.

 

Ich weiß, dass ich eigentlich in einer "komfortableren" Situation bin als Sie es sind (Hamburg - München) und es für Sie sicherlich Jammern auf hohem Niveau ist, doch dieses "neuer Partner Ding" beschäftigt mich immer wieder mal, wenn ich in meiner Down-Phase bin.

 

Und mir fehlen da ehrliche Antworten von unbeteiligten Personen, die nicht nur immer die 0815-Durchhalteparolen verwenden.

 

 

Antwort

 

Wenige Jahre nach der Trennung von meiner Familie - damals lebten wir alle noch im Raum München, allerdings in zwei getrennten Wohnungen - lernte meine Ex-Frau einen Mann kennen und lieben; nennen wir ihn Paul. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon wieder eine neue Partnerin gefunden, mit der ich inzwischen verheiratet bin.

 

Paul zog nach einigen Monaten bei meiner Familie ein und lebte von da an mit meinen beiden Kindern unter einem Dach. Meine Tochter (damals 13 Jahre alt) war nicht so richtig begeistert, aber sie fand sich damit ab. Das lag wohl daran, dass die Mama nicht mehr so viel Zeit für sie hatte. Mein Sohn (damals 7 Jahre alt) fand Paul toll, denn er nahm sich Zeit mit ihm zu spielen, schwimmen zu gehen oder zu raufen. Endlich wieder ein Mann im Haus.

 

Ich lernte Paul kennen, als ich meine Kinder an einem Freitag für das Wochenende zu mir holte. Natürlich war ich skeptisch, aber ich stellte relativ schnell fest, dass er gut mit meinen Kindern umging. Ich spürte das auch an kleinen Gesten oder den Blicken der Kinder, ohne dass ich viele Fragen stellen musste.

 

Selbstverständlich horchte ich meine Kinder an den Wochenenden auch vorsichtig aus, aber irgendwann war ich sicher, dass es ihnen nicht schlecht ging mit Paul. Mein persönlicher Eindruck war, dass ich mir als Papa keine Sorgen machen musste. Das war sehr beruhigend für mich, auch wenn es irgendwie komisch war, dass ein anderer Mann für meine Kinder sorgte. Aber ich wusste sie bei Paul in guten Händen.

 

Das Thema „Eifersucht“ spielte für mich übrigens nur ganz am Anfang eine Rolle. Zunächst war ich sehr wohl eifersüchtig auf Paul und auch traurig, weil ich mich am liebsten selbst um meine Kinder gekümmert hätte. Aber relativ bald wurden diese Gefühle von dem Wissen und der Erleichterung abgelöst, dass es meinen Kindern gut geht und sie sich wohl fühlen.

 

Das lief einige Monate, bis meine Familie beschloss, nach Hamburg zu ziehen. Paul wollte ebenfalls umziehen.

 

Diese Entscheidung ließ in mir sofort die Befürchtung wachsen, dass ich mit diesem Umzug meine Kinder endgültig verlieren würde. Bei dieser Entfernung würde ich nichts mehr mitbekommen und überhaupt keinen Einfluss mehr auf das Geschehen haben. Dann wäre ich als Papa außen vor, beide Kinder würden Paul zukünftig als ihren Vater ansehen und vielleicht irgendwann sogar „Papa“ nennen.

 

Ich weiß noch, wie ich am Tag der Abreise zu Paul sagte: „Nimm mir bitte meine Kinder nicht weg!“. Er antwortete damals: „Keine Sorge, das mache ich nicht!“. Aber konnte ich ihm trauen? Ich wollte es so gerne glauben, aber trotzdem hatte ich riesige Angst.

 

So gut es über die Entfernung möglich war, pflegte ich den Kontakt zu meinen Kindern. Ich wollte wissen, wie es ihnen geht, wollte Einfluss auf wichtige Entscheidungen haben, und vor allen Dingen wollte ich als Papa nicht in Vergessenheit geraten. Es war immer ein wundervolles Geschenk, wenn mich meine Kinder „Papa“ nannten und von dem Neuen als „Paul“ sprachen.

 

Und so ist das über all die Jahre der Trennung geblieben: Es gibt Paul und es gibt Papa. Paul und Papa kommen miteinander klar und können beide für die Kinder da sein, ohne sich ins Gehege zu kommen. Wir kennen beide unsere Grenzen und wir respektieren uns.

 

Was meine Kinder betrifft, so konnte ich zu keinem Zeitpunkt einen Konflikt feststellen. Das heißt nicht, dass sie nie einen Konflikt hatten, aber in meiner Wahrnehmung gab es keinen. Meine Kinder nennen mich bis heute „Papa“, sie waren da immer klar und haben Paul und mich auch nie miteinander verwechselt.

 

Ich glaube, das war auch deswegen der Fall, weil ich im Herzen immer der Papa meiner Kinder geblieben bin. Ich habe trotz der Distanz und der seltenen Kontakte nie aufgehört, der Papa meiner Kinder zu sein.

 

Natürlich hatte ich Phasen, in denen ich dachte: „Wenn ich nicht auf meinen Kontoauszug schaue und die regelmäßigen Abbuchungen sehe, weiß ich nicht mehr, dass ich Papa bin!“.

 

Aber das waren nur Phasen, ein paar Stunden oder wenige Tage lang. Tief im Herzen war und bin ich Papa, und so verhalte ich mich auch. Ich lasse keinen Zweifel aufkommen, bei meinen Kindern nicht und auch nicht bei Paul. Und somit kann mir diese Rolle auch niemand streitig machen, sei er auch noch so liebevoll und fürsorglich zu meinen Kindern.

 

Es ist nicht einfach, anzuerkennen, dass ein anderer Mann gut mit dem eigenen Kind umgeht. Aber es ist das Beste, was dem Kind und auch dem Papa passieren kann. Niemand gewinnt, wenn es dem Kind schlecht geht, weil der neue Mann der Ex-Frau ein Gewalttäter ist oder ein A…

 

Und solange ein Vater nicht das Handtuch schmeißt und sich von seinem Kind zurückzieht, wird er der Vater oder Papa bleiben. Und zwar nicht nur auf dem Kontoauszug, sondern auch im Herzen, was sehr viel wichtiger ist. Als Papa ist man nicht ersetzbar, diese Rolle hat man für sein ganzes Leben.

 

 

Schlusswort

 

Es gibt bestimmt Fälle, in denen ein Vater durch einen anderen Mann von seinem Platz verdrängt oder ganz einfach ersetzt wird. Aber ich glaube nicht, dass diese Fälle die Norm sind.

 

Ich glaube sogar, dass in der Regel nur solche Väter verdrängt werden, die sich verdrängen lassen. Ein Vater, der seine Position behauptet und sagt: „hier stehe ich, und ich werde das Feld nicht räumen!“, wird auch nicht einfach so aus dem Leben seines Kindes verdrängt.

 

Die Angst davor ist verständlicherweise groß, und so mancher Vater möchte vielleicht schon früh das Handtuch schmeißen, weil er glaubt, er verliert am Ende sowieso. Aber ich denke, darauf sollte man es ankommen lassen, des Kindes und sich selbst zuliebe.

 

Hast Du auch schon Angst davor gehabt, Deinen Status als Papa zu verlieren? Hat die Mutter Deines Kindes einen neuen Mann kennengelernt, der Dir nicht so richtig geheuer ist? Nennt Dein Kind den neuen Mann plötzlich „Papa“? Oder erlebst Du, dass der neue Mann eine Bereicherung darstellt und keine Bedrohung? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!