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Papa, wie fühlst Du Dich?

 

Vor einiger Zeit war ich mit meiner Schwester im Auto unterwegs zu einem Workshop. Auf dem Weg unterhielten wir uns über alles Mögliche, Themen hatten wir mehr als genug. Das Gespräch drehte sich irgendwann auch um meinen - diesen - Blog.

 

Wir sprachen darüber, dass manche meiner Beiträge fröhlich und leicht, andere eher traurig und schwer wirken. Ich sagte ihr, dass das ganz von den Gefühlen abhängt, die ich beim Schreiben habe. Und ich erklärte ihr, dass ich mich bei jedem Beitrag darum bemühe, meine Gefühle nicht zu sehr zu zeigen, da es mir doch hauptsächlich darum geht, von meinen Erfahrungen zu berichten, mögliche Wege aufzuzeigen, Lösungen anzubieten und Perspektiven zu eröffnen.

 

Meine Schwester fragte mich: „Warum schreibst Du eigentlich nicht auch einen Beitrag über Deine Gefühle? Damit würdest Du anderen Männern die Erlaubnis erteilen, ebenfalls ihre Gefühle zu zeigen. Das könnte viel mehr helfen als so mancher gut gemeinte Rat!“.

 

Spontan dachte ich: „Oh Gott! Wie soll ich das denn machen?“.

 

Ich hatte schon die ersten Ausreden und Gründe für eine Ablehnung auf der Zunge, aber sie wollten irgendwie nicht über meine Lippen kommen. Ich merkte, dass was dran war am Vorschlag meiner Schwester. Und auch wenn ich nicht so richtig weiß, ob und wie ich das schaffe, habe ich beschlossen, trotzdem diesen Beitrag über meine Gefühle zu schreiben.

 

 

Here we go

 

Meine Kinder sind jetzt 24 und 18 Jahre alt. Ich kann mich noch gut an die Geburt meiner Tochter im Jahr 1996 erinnern. Die Schwangerschaft verlief im Großen und Ganzen ohne Probleme. Wir freuten uns auf unser Kind, waren aufgeregt und auch etwas ängstlich. Aber für mich als Vater war es die meiste Zeit eine Entwicklung, die ich nur von außen beobachtet habe - auch emotional.

 

Ich habe zugeschaut, wie der Bauch meiner Frau immer runder wurde und konnte ab und zu mit meiner Hand die Tritte und Schläge unseres Kindes im Bauch der Mutter spüren. Die Ultraschallbilder beim Frauenarzt habe ich zwar gesehen, aber meine Fantasie hat nicht gereicht, um ein Gesicht oder die Gliedmaßen zu erkennen. Hauptsache, alles war in Ordnung, mit dem Rest hatte ich nicht viel zu tun.

 

Die Geburt war schließlich wie ein Paukenschlag, der auf das Spiel einer Querflöte folgt. Es war eine Frühgeburt mit allen möglichen Komplikationen, die zum Teil sogar lebensgefährlich für unser Kind waren. Ich blieb die meiste Zeit - ungefähr 14 Stunden - mit im Kreißsaal und versuchte, meiner Frau zu helfen, ohne dabei selbst Hilfe zu brauchen. Die Hebammen waren kurz davor, mich an die frische Luft zu schicken, weil sie dachten, ich kollabiere jeden Augenblick.

 

Nach einer langen Nacht standen morgens plötzlich vier Menschen mit mintgrünen Kitteln um die Liege meiner erschöpften Frau und arbeiteten an ihr, als ginge es darum, einen Motorblock aus einer verbeulten Karosserie zu bergen. Blut floss ebenfalls, und ich habe noch das Bild der Gummischuhe einer Ärztin vor Augen, die nur noch an wenigen Stellen weiß strahlten.

 

Auf einmal wurde es ruhig, alle entspannten sich irgendwie, es wurde nur noch wenig gesprochen. Ich konnte nicht sehen, was los war, und wollte auch nicht alles sehen. Aber dieser magische Moment, als unsere Tochter das Licht der Welt erblickte, war wunderbar. Die Zeit stand für diesen kurzen Augenblick still, denn in diesem Augenblick war nichts mehr von Bedeutung. Alle Ängste, Sorgen und Nöte traten freiwillig in den Hintergrund und überließen die große Bühne des Lebens unserer Tochter.

 

Nun folgte der Moment, in dem ich wirklich und endgültig Papa wurde. Eine Hebamme wickelte unsere Tochter in ein sauberes, weißes Tuch und legte sie mir in den Arm. Während die Ärzte meine Frau versorgten und ihre Wunden nähten, stand ich einfach nur da mit meiner Tochter im Arm. Sie hatte die Augen geschlossen und wirkte ganz friedlich. Mit Sicherheit hatte die Anstrengung der Geburt sie genauso erschöpft wie meine Frau. Ich beobachtete ihren Atem, spürte jede noch so kleine Regung und hatte Tränen des Glücks und des Staunens in meinen Augen.

 

Ich schaute in ihr kleines, zartes Gesicht, betrachtete ihre Hände und Füße, die unter dem weißen Tuch heraus lugten. Ich spürte in diesem Moment die Wandlung in mir und wusste, dass es nicht mehr nur um mich geht und auch nie wieder nur um mich gehen wird. Es machte mir Angst, denn die Verantwortung für solch ein kleines und hilfloses Menschenkind ist riesig. Aber es machte mich auch stark, denn ich wusste jetzt, warum und wofür.

 

Egal, was ich sage oder mache, wie ich mich verhalte, wofür ich mich einsetze, worum ich kämpfe: Ich hielt in diesem Kreißsaal im Klinikum Rechts der Isar in München die Motivation, den Antrieb, die Kraftquelle in meinen Armen. Ich schaute meine Tochter an und hatte das Gefühl, einen Pakt für das Leben mit ihr zu schließen.

 

Der Pakt für das Leben ist noch immer gültig, aber an manchen Tagen habe ich das Gefühl, ihn nicht erfüllen zu können. Ich hatte geschworen und mir so sehr gewünscht, ein guter Papa zu sein, alles für meine Tochter zu tun, ihr zu helfen und da zu sein, wenn sie mich braucht. Und was ist daraus geworden?

 

Sie ist seit vielen Jahren über 800 Kilometer weit weg. Wenn ich an sie denke, mir ihr Gesicht vorstelle oder ihre Stimme in meinem inneren Ohr klingt, kann es passieren, dass ich tief traurig werde. Ich spüre dann eine enorme Sehnsucht und merke, wie meine Augen langsam feucht werden.

 

Als sie mich nach dem Umzug nach Hamburg zum ersten Mal besuchte, habe ich sie noch vor der Tür im Treppenhaus umarmt, als wollte ich sie festhalten und nie mehr wieder gehen lassen. Während ich am Umzugstag noch die Fassung bewahren konnte, habe ich sie beim ersten Wiedersehen komplett verloren. Ich hielt sie fest, weinte in ihr Haar und konnte sie für viele Minuten nicht mehr loslassen. Der Schmerz über den Verlust kam mit aller Macht beim ersten Wiedersehen.

 

Der erste Besuch dauerte nur eine Stunde, denn sie hatte noch Verabredungen mit Freunden. Als sie mich nach einem Kaffee und einem viel zu kurzen Plausch auf dem Balkon zum zweiten Mal verließ, war es noch viel, viel schlimmer als am Umzugstag. Ich sah ihr durch das Fenster nach, wie sie den Weg zum Gartentor ging, sich umdrehte und winkte, auf die Straße trat und aus meinem Blick verschwand. In diesem Moment brach ich auf dem Boden zusammen und weinte hemmungslos - wie lange, weiß ich nicht.

 

Selbst jetzt, wo ich das schreibe, habe ich Tränen in den Augen und mein Kehlkopf schmerzt, als ob mir jemand den Hals zudrückt. Ich spüre, dass mein Atem nicht mehr richtig fließt, sondern angestrengt und widerwillig seine Pflicht erfüllt. Es ist jetzt über 9 Jahre her, aber es ist noch immer ein riesengroßer Schmerz. Es ist noch immer nicht vorüber!

 

Diese vielen Jahre sind nicht zu ersetzen und nicht nachzuholen. Was in dieser Zeit geschehen ist, ist vorbei, für immer. Ich bin Papa und habe trotzdem manchmal kein Gefühl dafür. Mein Leben kann ich nur deshalb einigermaßen gut bewältigen, weil ich vieles erfolgreich verdränge. Würde ich wirklich alles zulassen, was sich mir immer wieder aufdrängt, würde ich ohne Hilfe jämmerlich daran kaputt gehen.

 

 

Mein Sohn

 

Es war eine Geburt per Kaiserschnitt und lief nach Drehbuch ab. Wie geplant kam mein Sohn 6 Jahre nach meiner Tochter im Klinikum München Harlaching zur Welt. Deshalb, und weil ich bereits ein erfahrener Papa war, machte seine Geburt nicht so viel mit mir. Ich freute mich riesig und war glücklich und stolz, aber bei weitem nicht so aufgewühlt wie bei der Geburt seiner großen Schwester.

 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich im Wartezimmer saß, das Schreien und Stöhnen der Frauen im benachbarten Kreißsaal hörte und dabei dachte: „Gott sei Dank ist meine Frau nicht dabei!“. Ich saß da, las eine Zeitschrift und wartete - wie auf den Bus. Ich war richtig cool und abgeklärt, bis man mir meinen Sohn brachte mit den Worten: „Ihrer Frau geht es gut. Und an dem Kleinen ist alles dran!“.

 

Ich saß da mit ihm auf dem Schoß, schaute ihn an und spürte unheimlichen Stolz. Ich war stolz, einen gesunden und kräftigen Sohn zu haben. Ich spürte dieses Glück, das man hat, wenn etwas vollkommen ist. Wenn alles passt und nichts mehr fehlt. Mein Sohn war das letzte Puzzleteil in dem Bild, das ich von meiner Familie und meiner Vaterschaft hatte. Ich spürte, dass es jetzt mit ihm endlich gut ist.

 

Auch die frühe Kindheit meines Sohnes war im Vergleich eher unspektakulär. Das einzige, was seine ersten Lebensjahre überschattete, war ein mysteriöser Brechreiz, der immer wieder in den ungünstigsten Augenblicken zuschlug. Dieser trug ihm den Spitznamen „Spucki“ ein, den ich aus einem Bully-Herbig-Film (Traumschiff Surprise) aufgeschnappt hatte.

 

Mein Sohn war noch nicht einmal 3 Jahre alt, als meine Frau und ich uns trennten. Ich sah ihn in den folgenden Monaten und Jahren regelmäßig alle vierzehn Tage und in den Ferien, aber eine richtig innige Beziehung konnten wir leider in dieser kurzen Zeit nicht aufbauen. Ich war einfach viel zu oft und viel zu lange abwesend.

 

Als meine Kinder nach Hamburg umzogen, war mein Sohn noch nicht einmal 9 Jahre alt. Die Trennung von ihm fiel mir nicht leicht, aber sie fiel mir nicht ganz so schwer wie die Trennung von seiner Schwester. Beim Abschied von ihm spürte ich eher Vertrauen und Zuversicht, da war nur wenig Angst oder Verzweiflung.

 

Richtig schwer wurde es für mich erst, als mein Sohn ein paar Jahre später in die Pubertät kam. Obwohl wir keinen sehr intensiven Kontakt hatten und haben, gab es doch eine unsichtbare Verbindungsleitung, die mir signalisierte, dass mein Sohn zum Mann wurde und mich brauchte.

 

Ich spürte das enorme Bedürfnis, für ihn da zu sein, obwohl er nach wie vor nicht nach mir verlangte. Ich wollte ihm ein Vorbild sein und zeigen, wie ein Mann denkt, redet und handelt. Ich wollte, dass er sich bei mir was abschaut, sich an mir orientiert und mit mir nicht nur einen Vater, sondern auch einen Kumpel hat. Und ich wollte derjenige sein, der ihm zeigt, wie man sich rasiert.

 

Ich hatte diese Szene vor Augen, wie er und ich im Badezimmer vor dem Spiegel stehen, uns im Gesicht einseifen und dann gemeinsam - begleitet von meinen kundigen Kommentaren und Anweisungen - rasieren. Ein ganz banaler Vorgang, nichts Besonderes, aber es hätte mich unheimlich glücklich gemacht.

 

Die Realität ist, dass ich den ersten Bartflaum bei meinem Sohn überhaupt nicht mitbekommen habe. Und seinen ersten Rasierer hat ihm seine Mutter besorgt. Ich habe davon irgendwann im Nachhinein erfahren. Die Traurigkeit, die mich bei dieser Nachricht überfallen hat, hat mir gezeigt, wie gerne ich ihm den Rasierer gekauft hätte.

 

Wenn ich heute meinem Sohn begegne, dann habe ich ein wenig das Gefühl, vor einem Fremden zu stehen. Ich spüre meine Liebe und meine Verbindung zu ihm, aber ich bin gleichzeitig verunsichert und irgendwie hilflos. Es ist kein lockerer, selbstverständlicher und zwangloser Umgang, sondern eher ein vorsichtiges Abtasten und Vorfühlen. Und kaum habe ich den Eindruck, dass wir uns näher kommen, klingelt auch schon der Wecker und erinnert uns daran, dass wir zum Flughafen müssen. Die Lufthansa wartet nicht!

 

Ich stehe dann an der Sicherheitsbarriere und schaue meinem Sohn zu, wie er kontrolliert wird und anschließend im Gewühl des Terminals verschwindet. Manchmal dreht er sich noch kurz um und winkt mir zu. Dann ist da einfach nur noch tiefe Traurigkeit und großes Bedauern. Stundenlang! Tagelang!

 

 

Und nun?

 

Wenn ich meinen Humor und die Fähigkeit, nach vorne zu schauen, nicht hätte, wäre ich nicht in der Lage, mein Leben zu meistern. Ich habe heute eine wunderbare, liebevolle Frau und tolle Freunde, die mit mir sind und ein unsichtbares Fangnetz um mich herum aufgebaut haben. Auch mein Vater und meine Schwester wären sofort zur Stelle, wenn es erforderlich sein sollte. Ich habe Hobbies und einen interessanten Job, die mich fordern und inspirieren. Und ich habe noch immer diese unendliche Liebe zu meinen beiden Kindern!

 

Wie fühlst Du Dich, Papa? Schreibe mir und teile Deine Gefühle mit mir und anderen getrennten Vätern!