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Weil ich zwar kein Vater bin

Heile Welt?

 

Bäm. Mit einem Schlag ist alles anders. Von einem Moment auf den anderen.

 

Ähnlich wie die Geburt meiner lang ersehnten Wunschkinder, war auch der Moment der Trennung genauso lebensverändernd. Unfassbar, surreal und sehr schmerzhaft.

 

Niemals hätte ich geglaubt, dass mir so etwas widerfährt. Warum auch? Solche Storys hört man in der Regel von anderen. Aus dem Bekanntenkreis, dem Fernsehen oder zumindest weit weg.

 

Ich dagegen hatte meine kleine heile Welt. Eine stabile Partnerschaft, zwei Kinder, zwei Schmusetiger, einen festen Job und ein schönes Zuhause.

 

Doch plötzlich, frisch nach dem Jahreswechsel, lag Veränderung in der Luft. Schon Ende des Jahres war es eher die Ruhe vor dem Sturm als die glückliche Familienidylle. Dann war er da, der Moment in dem ich wusste, dass ich so nicht weitermachen konnte. Ich liebe meine Kinder über alles, das steht außer Frage. Aber wem spielte ich hier etwas vor? Mir selbst? Wofür? Welches Bild von Glück, Beziehung, Selbstverwirklichung vermittelte ich meinen Kindern?

 

Dann kam der Moment in dem ich wusste, so geht es nicht weiter. Nicht für mich. Nicht mit uns. Nur wenn ich glücklich bin, können auch meine Kinder glücklich sein.

 

 

Wo ist der Bruder? Ich will meinen Bruder!

 

Doch was dann folgte, entzog sich meiner Vorstellungskraft. Ich wollte meine Partnerschaft beenden, niemals aber die Elternschaft. Von jetzt auf gleich war mein geliebter Sohn weg. Viel zu weit weg. Buchstäblich aus den Armen gerissen und dann 450 km von mir entfernt. Ich hatte bis dahin viele sehr kostbare Momente mit ihm erleben dürfen, genoss bis dahin die Elternzeit mit meinen Jungs. Jetzt war es vorbei. Viel zu früh und so plötzlich. Ich fühlte mich so unvorbereitet, beinahe unfähig mit dieser Situation umzugehen. Ich musste stark sein, für den Sohn, der bei mir blieb, das war mir klar. Ohne ihn und die Unterstützung meiner Freunde hätte ich diese schwere Zeit kaum so überstanden. Der Alltag half uns, irgendwie klar zu kommen. Von Stunde zu Stunde und Tag zu Tag.

 

Aber nichts mehr war wie vorher. Zuhause wirkte alles still, leer und schwer. Wir versuchten, viel Zeit draußen zu verbringen, doch weglaufen war unmöglich. Überall Erinnerungen an gemeinsame Momente. Ein Schnuller in der Jackentasche. Mein zweijähriger Sohn, der zu fremden Müttern mit Maxi Cosi oder Kinderwagen rannte, um nachzusehen, ob darin sein geliebter Bruder war. Der nachts schreiend wach wurde: „Bruder! Bruder! Wo ist der Bruder? Ich will meinen Bruder!“ Viel haben wir geweint.

 

Doch das brachte uns nicht weiter. Die Leute sagten, mit der Zeit wird es leichter. Die Kinder vergessen und die Wunden heilen. Aber mein Sohn vergaß nicht. Ich vergaß nicht und nichts heilte. Der Schmerz war immer da.

 

Besonders schlimm waren Feste und natürlich das Fest der Familie – Weihnachten.

 

Wir brachten es irgendwie hinter uns und mit der Zeit wurde klar, dass die Leute falsch lagen. Es fühlte sich an wie Verrat, einfach so zu tun als würde dieses Kind nicht existieren, nicht zu unserem Leben gehören. Also kämpfte ich. Für mich und meine Kinder. Und gewann einen Kampf, den ich nie kämpfen wollte.

 

 

Hoffnung

 

Wir können uns wieder sehen. Endlich. Familie sein. Auch wenn es nur für ein paar Stunden oder Tage ist. Diese Momente sind unbezahlbar. Die Jungs zusammen Hand in Hand. Als ob es nie anders gewesen wäre. Geschwisterliebe. Viel Zeit ging verloren, die wir nie wieder nachholen können. Aber da ist ein unsichtbares Band, das uns verbindet und sich nie trennen lässt. Ein Regenbogenband, bunt wie unsere Familie und unser Leben.

 

Es ist keineswegs alles federleicht und rosarot. Noch immer versteht mein Sohn nicht, warum sein Bruder nicht mehr bei ihm ist. Wie denn auch. Ich verstehe es selbst nicht.

 

Ich suchte nach Gleichgesinnten. Gefunden habe ich bisher keine Familie wie die unsere. Aber ich lernte viele alleinerziehende Mütter mit ihren Sorgen und Nöten kennen. In meine neue Rolle, alleinerziehende Mutter für nur noch ein Kind im Alltag zu sein, musste ich mich erst mal einfinden. Der Austausch mit anderen kann in dieser Phase helfen. In meinem Fall bewirkte er noch mehr. Durch Zufälle kam ich auch beruflich dazu, mich mit den spezifischen Themen der Einelternfamilien auseinanderzusetzen.

 

Keiner weiß, was die Zukunft bringt. Niemand kann uns sagen, wie unser Leben in fünf oder zehn Jahren aussieht. Zu gerne würde ich manchmal in die Glaskugel schauen und die Welt mit den Augen meines Sohnes sehen. Wie wird er auf die Zeit jetzt zurückblicken? Wird er sagen, dass ich das Richtige getan habe?

 

Diese Fragen werden noch lange unbeantwortet sein. Schuldfragen haben mich lange gequält und tun es manchmal noch immer.

 

Aber mein Sohn weiß jetzt, dass er seinen Bruder immer wieder sehen kann und ich ihn dabei unterstütze. Dass ich ihn und seine Gefühle ernst nehme, für ihn kämpfe, bis er es selbst kann. Und was das Wichtigste ist: Er weiß, dass ich ihn niemals im Stich lasse und er sich immer auf mich verlassen kann!

 

Und mein verlorenes Kind wird irgendwann alt genug sein, eigene Entscheidungen treffen zu können. Auch er soll wissen, dass ich ihn für immer liebe und für ihn da bin. Bis dahin werde ich ihn begleiten, so gut es mir möglich ist und hoffen, dass er seinen Weg geht.

 

Da sind immer noch Leere, Trauer und Schmerz.

 

Aber was für immer bleibt sind Hoffnung und Liebe.

Melanie Tassone

Dieser Gastbeitrag wurde verfasst von Melanie, alleinerziehende Mutter eines wundervollen Wunschkindes einer Regenbogenfamilie,  Erzieherin,  Leiterin einer Gruppe für Alleinerziehende und angehende Fachwirtin für Kitamanagement.

 

regenbogenmamakoeln@gmail.com