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Und plötzlich sind die Kinder groß

Die Erkenntnis kam vom einen auf den anderen Augenblick, auch wenn es schon lange vorauszusehen war. Es ist so ähnlich wie „plötzlich wurde es Nacht“ oder plötzlich war es Winter. Es war zu erwarten, es gab deutliche Anzeichen, die Erfahrung hat es mich eigentlich gelehrt. Trotzdem überraschte es mich, was mich sehr verblüfft.

 

Wie kam ich zu der überraschenden Erkenntnis, dass meine Kinder inzwischen groß, also erwachsen sind? Ich weiß es nicht genau, auf alle Fälle geschah es nicht im direkten Kontakt mit meinen Kindern. Ich habe meine Kinder schon seit Monaten nicht mehr gesehen, weil aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen wegen Corona (COVID-19) gegenseitige Besuche leider schon länger nicht mehr ohne weiteres glich sind.

 

Ich glaube, es passierte in einem Gespräch mit Oliver, meinem Coach aus dem Kreis der Männer. Ich kann mich nicht mehr an den genauen Inhalt des Gesprächs erinnern, aber Oliver sagte sinngemäß folgendes: „Deine Kinder sind jetzt erwachsen, früher oder später wären sie sowieso von Zuhause ausgezogen und ihre eigenen Wege gegangen!“. Dieser Satz ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.

 

Ein Satz wie viele andere, die im Gespräch gefallen sind. Aber ganz besonders dieser Satz hat in mir Gedanken in Bewegung gesetzt und Gefühle erzeugt. Im ersten Moment war ich sehr verwirrt und fühlte mich auch leicht gekränkt. Der Satz von Oliver hatte in meinen Ohren die Qualität von „Du wirst allmählich unglaubwürdig!“. Natürlich hat er das nicht gesagt und wahrscheinlich auch nicht gemeint, aber ich habe es trotzdem so verstanden.

 

Später ließ das Gefühl der Kränkung nach, stattdessen spürte ich Leichtigkeit und Freiheit in mir. Warum ich diese Leichtigkeit spürte, war mir nicht sofort klar, aber inzwischen glaube ich es zu verstehen.

 

Dieser Satz katapultierte mich heraus aus dem Kreis der getrennten Väter und direkt hinein in den Kreis der anderen, der ganz normalen Väter. Dieser Satz sagte: „Es ist vorbei!“. Der Satz zog mir irgendwie die Grundlage für diesen Blog unter den Füßen weg.

 

 

Ist es vorbei?

 

Als meine Kinder 2011 mit ihrer Mutter nach Hamburg zogen, war meine Tochter 14, mein Sohn 8 Jahre alt. Sie lebten wie die meisten Kinder in diesem Alter in der Obhut ihrer Eltern, in unserem Fall ihrer Mama. Aufgrund der Trennung von meiner damaligen Frau wohnte ich seit 2006 nicht mehr Zuhause, sah aber meine Kinder regelmäßig in kurzen Abständen. Dadurch war ich noch immer weitestgehend  integriert in das Familiengeschehen und fühlte mich nicht abgeschnitten oder getrennt.

 

Erst durch den Umzug geschah es, dass ich abgeschnitten wurde. Ich habe darüber in mehreren Beiträgen geschrieben und versucht, die verschiedenen Facetten meiner Trennung zu beleuchten und somit anderen betroffenen Vätern und auch Müttern eine Hilfe zu geben.

 

Ich war so damit beschäftigt, meine Rolle als getrennter Vater auszufüllen und zu kultivieren, dass mir völlig entgangen ist, wie meine Kinder mit den Jahren erwachsener wurden. Für mich waren sie noch immer meine kleinen Kinder, die ohne Papa aufwachsen mussten. Und ich war ihr getrennter Vater, der ohne sie zurechtkommen musste. Diese Rollen haben sich gegenseitig am Leben erhalten, sie waren quasi aufeinander angewiesen.

 

Wenn meine Kinder heute erwachsen sind und so wie viele andere junge Menschen ihren eigenen Weg gehen, dann macht mich das zu einem von vielen Vätern, die ihre Kinder nicht mehr täglich sehen, nicht mehr regelmäßig umsorgen und auch nicht mehr alles wissen, was in ihrem Leben geschieht. Ich bin jetzt einer von den vielen Vätern, die sich über einen Anruf oder auf den nächsten Besuch freuen.

 

Es kommt mir so vor, als wäre ich plötzlich zum ganz gewöhnlichen Vater geworden, so wie mein eigener Vater, dessen beide Kinder ungefähr 400 Kilometer von ihm entfernt leben. Meine Schwester und ich leben schon seit Jahrzehnten weit entfernt von unserem Elternhaus. Das tun sehr viele Kinder, das ist vollkommen normal. Nur wenige Väter haben damit ein ernsthaftes Problem, und kaum einer betreibt deswegen einen Blog.

 

Der Satz von Oliver hat also die Rolle der kleinen Kinder aus meinem Drehbuch gestrichen. Damit kippt automatisch die Rolle des getrennten Vaters. Klappe zu, Affe tot!

 

 

Wie geht’s weiter?

 

Meine Erfahrungen aus den letzten Jahren sind noch immer da. Ich habe viel erlebt, erlitten und gemeistert. Die Erinnerungen daran sind sehr präsent, weil das alles auch noch nicht so weit zurück liegt. Es gibt einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz, den ich mein Eigen nennen kann. Den ich leider oder glücklicherweise erwerben durfte.

 

Und ich glaube noch immer, dass ich dadurch in der Lage bin, anderen Vätern und Müttern zu helfen, die von ihren Kindern getrennt leben müssen. Die unter der Willkür des anderen Elternteils, Entscheidungen von Jugendämtern oder Urteilen von Familiengerichten leiden. Es wäre in meinen Augen brachliegendes Potenzial, wenn ich hiermit den Blog beenden würde.

 

Andererseits merke ich seit meinem Gespräch mit Oliver, dass mein Bedürfnis, regelmäßig Beiträge für meinen Blog zu schreiben, nicht mehr da ist. Es kommt mir jetzt unangemessen vor, so als ob ich kein Recht mehr dazu hätte, was natürlich nicht stimmt.

 

Deshalb habe ich mich entschieden, in meinem Blog nicht länger monatlich zu schreiben. Dieser Beitrag ist sozusagen mein Abschied von der Vorhersehbarkeit. Es wird keine monatlichen Beiträge mehr geben, die ich im Vorfeld terminlich und namentlich ankündige.

 

Stattdessen wird es auch zukünftig diesen Fundus geben, der sich in den vergangenen beiden Jahren angesammelt hat. Ein Fundus, der noch weiter wachsen kann und hoffentlich auch wachsen wird, abhängig von den Impulsen, die ich bekomme - vom Leben, von meiner Familie oder meinen Lesern.

 

Mein Angebot an alle getrennten Väter und auch Mütter bleibt also weiterhin bestehen. Und es wird sich zukünftig noch viel mehr lohnen, immer mal wieder meine Seite zu besuchen und zu schauen, was es Neues gibt. Nicht nur zum Monatswechsel, sondern jederzeit.

 

 

Auch das noch

 

Als ich neulich mit meinem Sohn telefonierte, eröffnete er mir, dass er plane, nach seiner Ausbildung nach England zu ziehen, dort zu leben und zu arbeiten. Ich war sehr überrascht und hatte viele Fragen zu seinen Gründen, zum Warum und Wieso. Was mich aber noch viel mehr erstaunte: Es machte mir überhaupt nichts aus. Ob mein Flug von München nach Hamburg oder von München nach London geht, ist nicht wirklich relevant. Ich bin schon seit Jahren in der Situation, dass ich eine weite Reise machen muss, um meine Kinder zu besuchen. Es ändert sich also für mich nichts dadurch.

 

Ich denke, ich habe hinter mir, was viele Eltern noch vor sich haben, wenn die Kinder erwachsen werden. Wenn sie ihre Flügel ausbreiten und endlich losfliegen wollen. Wenn sie flügge geworden sind.

 

Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln; wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel!

 

Das liest sich ganz leicht und locker, aber wenn das eigene Kind mit den zarten und auch noch nicht sehr widerstandsfähigen Flügeln an der Käfigtüre steht und zu flattern beginnt, dann kann einer Mutter oder einem Vater ziemlich mulmig werden. Es gibt auch viele Eltern, die den Käfig wunderschön vergolden und mit sämtlichem Luxus ausstatten, nur damit ihr kleiner Vogel nicht davonfliegt. Die ihrem Kind vielleicht noch Flügel geben, aber den Käfig nicht öffnen.

 

Meine beiden Kinder haben kräftige Flügel, und ihre Käfigtüren sind sperrangelweit geöffnet. Sie können durch diese Türen davonfliegen, sie können aber auch wieder zurückkommen. Ich beobachte aus der Distanz, wie sie flattern, manchmal leicht dahinschweben und ab und zu auch heftig mit den Flügeln schlagen, um nicht abzustürzen. Sie nutzen die Thermik, die sich ihnen bietet, und sie haben zum Glück bis heute alle ihre Sturzflüge überlebt.

 

Ich schaue ihnen mit offenem Herzen und lachenden Augen interessiert zu, freue mich an ihrer Lebendigkeit und genieße das tolle Gefühl, Vater von zwei wundervollen Menschen zu sein!

 

Hast Du auch ein erwachsenes Kind, das kurz davor ist, flügge zu werden? Kennst Du die Gefühle, die zum Leben erweckt werden, wenn das eigene Kind auszieht und selbständig wird? Oder versuchst Du zu verhindern oder zumindest zu verzögern, dass Dein Kind in die weite Welt zieht? Schreibe mir und teile Deine Erfahrungen mit mir und anderen getrennten Vätern!